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Wie Luise Rainer den Oscar zweimal hintereinander gewann

10.07.2020 - 20:33 UhrVor 3 Monaten aktualisiert
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Luise Rainer (rechts)
© Metro-Goldwyn-Mayer (MGM)
Luise Rainer (rechts)
Luise Rainer gewinnt in zwei aufeinanderfolgenden Jahren (1937/38) Oscars als "Beste Hauptdarstellerin" - als erste Person überhaupt. Kurz danach verschwindet sie aus Hollywood. Wie kam es zu diesen Siegen und was hat Louis B. Mayer damit zu tun?


In der Filmwelt gibt es wohl kaum eine größere Ehre als den Gewinn eines Oscars. Auch 92 Jahre nach der ersten Verleihung schaut die Welt jedes Jahr wieder nach Hollywood. Zwar mögen die Zuschauerzahlen fallen, genauso wie die Leute sich mehr und mehr (zu Recht) gegen die alteingesessene und teilweise mit Vorurteilen belastete Academy sträuben, trotzdem gilt der Oscar als der wichtigste Filmpreis (zugegeben: für eine US-amerikanisch geprägte Filmwelt).

Was könnte für Schauspieler*innen also besser sein als ein Oscargewinn? Wie wäre es mit zwei Siegen in aufeinanderfolgenden Jahren. Fünf Schauspieler*innen haben das überhaupt geschafft, nur zwei davon in der Kategorie »Best Actress In A Leading Role«. Luise Rainer war die Erste. Wie kam es also zu diesen beiden Siegen und was sagen sie über die Filmindustrie (sowohl damals als auch heute) aus?

Ich möchte einen Blick hinter die Kulissen werfen und herausstellen, wieso Luise Rainers doppelter Gewinn und ihr anschließendes Verschwinden aus Hollywood nicht nur etwas über die damalige Politik der Filmstudios aussagen, sondern noch immer aktuell sind.


Wenn man sich Luise Rainers Oscargewinne anguckt, muss man sich auch zwangsläufig auch mit ihrer Konkurrenz in 1937 sowie 1938 beschäftigen. Es wird schnell klar, dass der Gewinn eines Oscars oftmals von anderen Dingen als der Leistung im jeweiligen Film abhängt. Damit will ich gar nicht in Frage stellen, ob Luises Oscars verdient waren oder nicht, sondern nur aufzeigen, wieso noch heute oftmals nicht die gewinnen, die viele als »die Besten« bezeichnen.

In diesem Fall ist vor allem Louis B. Mayer, Gründer des Filmstudios MGM sowie derjenige mit der Idee zur »Academy of Motion Picture Arts & Science«, also quasi dem Verein, der die Oscars verleiht, stark involviert. Der Typ war ein großes Arschloch, fasste zum Beispiel der minderjährigen Judy Garland an die Brust und sagte ihr, dass sie nicht hübsch genug sei, belästigte etliche weitere Schauspielerinnen sexuell, war gleichzeitig aber immer darauf bedacht »moralisch wertvolle« und »gesunde« Filme zu machen – viele religiöse Motive, Patriotismus, die klassischen Werte des 20. Jahrhunderts. Auch Hollywood Größen wie Hedy Lamarr oder Jean Harlow kamen nur schlecht mit ihm aus. Man kann allerdings gleichzeitig nicht seinen Einfluss auf die gesamte Hollywood-Industrie zu dieser Zeit kleinreden: Der Typ hat mit allen zusammengearbeitet und er hat alle mehr oder weniger im Griff gehabt.


Zuerst allerdings ein paar Worte zu Luise und ihrer Person:

Erste Rollen spielt Luise Rainer bereits Anfang der 30er Jahre in Deutschland, nachdem sie eine Schauspielausbildung in Düsseldorf absolviert hat. Ihre Karriere in Hollywood ist plötzlich, allerdings genauso plötzlich wieder vorbei. 1935 wird sie in Wien von einem Talentsucher entdeckt und direkt von MGM, bis in die 40er Jahre hinein eines der wirtschaftlich wichtigsten und größten Filmstudios, unter Vertrag genommen. MGM vermarktet Luise als Österreicherin, der Grund dafür sollte bei Miteinbezug der Zeit klar sein, sowie als neue Greta Garbo – das wird später nochmal wichtig, also merken. In den Jahren 1935 bis 1938 ist Luise in 8 Filmen zu sehen, gewinnt zweimal den Oscar, als bis heute einzige deutsche Schauspielerin, doch kündigt trotzdem ihren noch laufenden Vertrag und verschwindet.


Ihren ersten Oscar gewinnt Luise für ihre Rolle in »Der große Ziegfeld« (OT: The Great Ziegfeld, 1936), obwohl Luise im ganzen Film nur etwa zwanzig Minuten zu sehen. Ihre Konkurrenz in diesem Jahr ist groß und besteht aus:

Carole Lombard unterschreibt in den 20er Jahren einen Vertrag mit Fox (der nicht verlängert wird, weil sie sich bei einem Autounfall eine Narbe zuzieht, falls jemand wissen will, wie bescheuert die ganze Industrie war/ist), landet irgendwann aber Paramount Pictures. Bekannt ist sie vor allem für Screwball-Komödien, wie so viele andere Stars der 30er. »Mein Mann Godfrey« (OT: My Man Godfrey, 1936), der ihr die Nominierung einbringt, wird von Universal Studios produziert.

Über Gladys George habe ich keine Studio-Übersicht gefunden. Nach Herumklicken in ihrer Filmographie konnte ich aber feststellen, dass sie Filme für viele verschiedene Studios gedreht hat, was mich vermuten lässt, dass Gladys bei keinem Studio unter Vertrag stand, sondern free-lancing* betrieben hat. Dafür habe ich allerdings keine Quelle, es ist lediglich eine Vermutung. Der Film »Die zweite Mutter« (OT: Valiant Is the Word for Carrie, 1936) scheint ihr erster richtiger Film zu sein und wurde von Paramount Pictures produziert.

Irene Dunne ist eine ausgesprochen vielseitige und beliebte Schauspielerin der 30er bis 50er Jahre. Man sieht sie in Screwball-Komödien, Western oder Musicals. Nach Auslaufen ihres Vertrages mit RKO entscheidet sich auch Irene 1935 zum free-lancing. Irene wird im Laufe ihrer Karriere fünfmal für einen Oscar nominiert, gewinnt allerdings keinen. »Theodora Goes Wild« (1936), ebenfalls eine Screwball Komödie, wird von Columbia Pictures produziert.

Norma Shaerer steht seit seit 1923 bei MGM unter Vertrag, gilt lange als Queen of MGM, vor allem nach Beginn der Tonfilmära. Allerdings stirbt 1936 ihr Mann Irving Thalberg, wichtiger Produzent bei (ebenfalls) MGM. Norma liefert sich in den folgenden Monaten einen großen, finaziellen Streit mit Louis B. Mayer, der erst nach viel negativer Publicity geklärt werden kann.


Um das mal zusammenzufassen: Neben Luise Rainer haben wir drei Schauspielerinnen, die nicht bei MGM unter Vertrag stehen, und eine Schauspielerin, die zwar bei MGM unter Vertrag steht, allerdings genau 1936 einen riesigen Streit mit dem Gründer von MGM hat. Drei dieser Frauen stechen heraus und werden als großartig bezeichnet, sogar als die größten Stars der 30er Jahre. Sie haben die Zeit des Übergangs von Stummfilmen zu Tonfilmen überstanden. Aber Luise Rainer gewinnt 1937 ihren ersten Oscar mit nur 20 Minuten Sendezeit. Bereits da ist also klar, was und warum es passiert, oder?


Im Jahr 1938 gibt es erstaunlich viele Ähnlichkeiten zum Vorjahr. Der Gewinn von Luise Rainer im Jahr 1938 wird in diesem YouTube Essay von einem meiner liebsten Kanäle »Be Kind Rewind« ausführlich behandelt, deshalb empfehle ich das Video an dieser Stelle. Es war Auslöser und Inspiration für diesen Text.

Luise gewinnt ihren zweiten Oscar für den Film »Die gute Erde« (OT: The Good Earth, 1937), ein aus heutiger Sicht ziemlich rassistischer Film, in dem Luise eine asiatische Frau spielt. Eigentlich sollte diese Rolle Anna May Wong gehören, einer der wenigen bekannten, asiatischen Schauspieler*innen der damaligen Zeit. Nachdem allerdings ein weißer Mann als Hauptrolle verpflichtet wurde, musste auch die weibliche Hauptrolle mit einer weißen Frau besetzt werden, da in den 30ern ein ziemlich bescheuertes Regelwerk ausgetüftelt wurde, der sogenannte Motion Picture Production Code (kurz: Hays Code), welches »interracial relationships« untersagte. Stattdessen hat also Luise Rainer die Rolle bekommen. Sie hat im Film selber wenig Text und wirkt abwesend. Später sagt sie selber über diese Rolle: »It’s not for me, putting on a face, or putting on makeup, or making masquerade. It has to come from inside out.«


Sie tritt erneut gegen Irene Dunne an, deshalb gilt mein Kommentar zu ihr auch für 1938, außerdem gegen Janet Gaynor (in der Hauptrolle des originalen »A Star Is Born« (1937)) und Barbara Stanwyck (»Stella Dallas« 1937), die beide zu dieser Zeit Free-Lancer sind.

Und dann tritt sie noch gegen Greta Garbo an – ich hoffe, dass ihr euch den Namen gemerkt habt. Greta steht bei MGM unter Vertrag. Nominiert für den Film »Die Kameliendame« (OT: Camille, 1937), der bis heute zu ihren bekanntesten und beliebtesten Rollen gehört, ist sie eine der Favoritinnen für die Oscar-Nacht. Doch wie schon 1937 hat Louis B. Mayer seine Finger im Spiel. Garbot und Mayer kommen nicht miteinander aus. Ständig sucht er nach einer neuen Greta und glaubt sie in Luise gefunden zu haben. Doch Luise und Greta haben viel gemeinsam, vor allem ihre Abneigung gegen Hollywood. Beide Frauen fühlen sich alleine und sind unglücklich.

Die weiblichen Stars haben es zu der Zeit eben auch nicht leicht. Jeder große Star der Zeit wird in eine bestimmte Rolle gepresst, ihr Aussehen und Verhalten verändert und angepasst, immer werden sie miteinander verglichen. Greta Garbo ist die Mysteriöse, will keine Interviews geben, fair bezahlt und behandelt werden. 1927 bekommt sie zum Beispiel für »Anna Karenina« 200$ die Woche, ihr männlicher Co-Star John Gilbert 10000$, erst nach einem monatelangem Streik werden Greta schließlich 5000$ pro Woche zugestanden. Mit Louis B. Mayer in ständigem Streit, ist klar, sie bei den Oscars eigentlich kaum noch eine Chance hat, egal wie gut ihre Leistung ist. Stattdessen gewinnt also Luise Rainer, die als neue Greta Garbo vermarktet wurde, weil die echte Greta Garbo sich wehrt.


Gleichzeitig ist Luise selber über ihren Sieg nicht erfreut. Zu den Oscars 1938 taucht sie beinahe gar nicht auf. Als das bemerkt wird, wird sie zu Hause abgeholt, wo man sie im Schlafanzug vorfindet. Sie bezeichnet Hollywood als Gefängnis und sagt öffentlich, wie unglücklich sie ist. Über ihren zweiten Sieg sagt sie: »When I received this Academy Award I did not feel any great thing about it. It wasn’t something I had coveted because I hardly knew what it was.«

Fortan spielt Luise nur noch in wenigen Filmen mit, die allesamt mit wenig Erfolg gekrönt sind. Es wird vom Oscar-Fluch gesprochen. Sie selber spricht weniger von einem Fluch, als dass sie einfach keine Lust auf diese Hollywood-Welt hat, vor allem nicht im Mittelpunkt, während es ihr privat immer schlechter geht. Sie kommt nicht mit Mayer aus (der sie fragt, »why she would not sit on his lap like his other ‘girls’ do «) und fühlt sich wie ein »Pferd im Stall« statt einer Schauspielerin. Außerdem wird sie schlechter bezahlt als viele ihrer Kolleg*innen, selbst auf dem Höhepunkt ihrer Karriere. Luise zieht den Schlussstrich.

Luise Rainers kurze Hollywood Karriere endet nach ihrer Kündigung in einem großen Streit mit Louis B. Mayer.


Meiner Meinung nach ist Luise Rainer das perfekte Beispiel dafür, wie die Hollywood-Politik oftmals eine größere Rolle spielt als die eigentliche Performance der Schauspieler*innen. Das ist ein Zeichen, das über Jahre hinweg oft gesetzt wird. Die Studios suchen oft nach den perfekten Frauen, die immer umgänglich sind und nicht viel Geld verlangen. Sie sollen ihre Rollen gut spielen und dabei schön aussehen, nett in Interviews herüberkommen und insgesamt einfach leicht zu mögen sein. Die Filmstudios pochen zu dieser Zeit auf Loyalität und jahrelange Verträge.

Mich persönlich haben Louis B. Mayer und seine Machenschaften sehr an einen anderen Mann erinnert, dessen Namen vielen Leuten geläufig sein dürfte, vor allem durch die Schlagzeilen der letzten Jahre: Harvey Weinstein. Tatsächlich habe ich sogar mehrere Artikel gefunden, die ebenfalls diese Parallele sehen. Es sind erfolgreiche Männer, die glauben, sich alles erlauben zu können und hintenrum fragwürdige und teilweise sehr gefährliche Machenschaften betreiben und ihre Machtposition ausnutzen, die manchmal in der Hand haben, wer bei den Oscars gewinnt. Ein Beispiel für eine Oscar-Gewinnerin, die vermutlich ebenfalls durch diese Hollywood-Politik gewonnen hat? Gwyneth Paltrow für »Shakespeare in Love« (1999), produziert von unter anderem Harvey Weinstein. Gleichzeitig ist zum Beispiel die Karriere von Salma Hayek durch diesen ziemlich torpediert worden.

Auch wenn Luise Rainers Gewinne fast 90 Jahre zurückliegen, kann man, meiner Meinung nach, viel aus dem Kontext lernen: Zum Einen über die Art und Weise, wie Menschen behandelt werden, wenn Personen in Machtpositionen sie mögen oder eben nicht mögen und wie sehr sich das auf ihre Karrieren und die zu gewinnenden Preise auswirkt, zum Anderen, wie langwierig der Prozess für echte Veränderungen sein kann, sei es im Bezug auf mehr und bessere Diversität und Repräsentation im Medium Film (bezogen auf Filme wie »Die gute Erde« und den Motion Picture Production Code) oder im Kampf um faire Bezahlung und Behandlung unabhängig vom Geschlecht.


*free-lancing in diesem Kontext: Die Schauspieler*innen (zum Beispiel Cary Grant oder Irene Dunne) verpflichten sich nicht einem bestimmten Studio. Sie sind also in ihrer Rollenauswahl freier. Gleichzeitig heißt das auch, dass in ihre Kampagnen für Filme nicht immer gut investiert wird, weil Studios in damaligen Zeiten auf Loyalität pochen.


Quellen:

https://luise-rainer.com/biography/ 

https://www.welt.de/kultur/kino/article135870568/Die-Deutsche-die-die-neue-Garbo-war.html 

https://www.britannica.com/biography/Louis-B-Mayer 

https://variety.com/2017/film/features/casting-couch-hollywood-sexual-harassment-harvey-weinstein-1202589895/ 

https://www.youtube.com/watch?v=BHfX4W48jDs 

https://www.femalefirst.co.uk/movies/actors-who-have-won-consecutive-oscars-427691.html 

https://en.m.wikipedia.org/wiki/Motion_Picture_Production_Code 

https://www.telegraph.co.uk/films/2017/12/04/almost-always-alone-greta-garbos-devastating-letters-set-sell/ 

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