Das Filmfestival in Cannes 2026 neigt sich langsam dem Ende zu. Ein paar Wettbewerbsfilme feiern am Freitag noch ihre Weltpremiere, bevor am Samstagabend die Goldene Palme verliehen wird. Bleibenden Eindruck haben einige Beiträge in und außerhalb der offiziellen Auswahl hinterlassen, aber keiner der Filmmomente hat sich so blitzartig ins diesjährige Kapitel der Cannes-Historie eingraviert wie John Travoltas Auftritt bei der Weltpremiere seines Regiedebüts.
Dem Star aus Quentin Tarantinos Pulp Fiction wurde in den ersten Tagen des Festivals feierlich (und angeblich überraschend) die Palme für sein Lebenswerk überreicht. Ich war vor Ort im Kino, war bewegt von der liebevollen Montage über das Werk der lebenden Hollywood-Legende und von Travoltas offenkundiger Rührung. Erinnern werde ich mich aber an seinen Chic. Offensichtlich beseelt vom Freigeist des Gastgeberlandes, trug Travolta ein eierschalenfarbenes Barett, dessen verblüffende Existenz für sich genommen mindestens 24 Stunden Internetdiskurs provoziert hätte. Dann tauchte er bei der Pressekonferenz am nächsten Tag auf. Mit einem schwarzen Barett.
Die mannigfaltigen Kopfbedeckungen des Hollywood-Stars erzählen eine dieser Geschichten beim Festival, die das Gedrängel vorm Kino und die Diät aus kostenlosem Espresso und Granatapfel-Limonade aufheitern. Die Filme gehören selbstverständlich ebenso dazu, und deswegen war Travolta an die Croisette gereist. Sein schmales, aber liebenswertes Regiedebüt Nachtflug nach L.A. wurde in einer Nebenreihe gezeigt. Schon nächste Woche erscheint der Film in Deutschland.
John Travoltas "persönlichster Film" ist ein zuckersüßes Familien-Abenteuer
Nachtflug nach L.A. ist etwas länger als eine Stunde und basiert auf einem Kinderbuch von Travolta. Darin betritt der kleine Jeff (Clark Shotwell) mit seiner alleinerziehenden Mutter Helen (Kelly Eviston-Quinnett) im Jahr 1962 den geheiligten Boden des Idlewild Airports in New York. Jeffs allererste Flugreise steht bevor. Die viel schnelleren Boeing-Jets sind teuer, also fliegen Mutter und Sohn mit einer Lockheed Super Constellation: einem mit vier Propellern ausgestatteten Passagierflugzeug, dessen luxuriöses Inneres eine Zukunft verspricht, von der der Flieger längst überholt wurde.
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Wer John Travoltas Wohnsitz in Florida gegoogelt hat, versteht vielleicht, warum die Constellation in seinem Regiedebüt wie der Schlitten des Weihnachtsmanns aus einer Softdrink-Werbung aussieht. Travolta wohnt sozusagen auf einem Flughafen, verbucht 9000 Flugstunden als Pilot und hat vor zwei Jahren selbst eine Lockheed Constellation gekauft .
Nachtflug nach L.A. sei sein "persönlichster Film", erklärte er bei der Premiere, und das merkt man sofort. Es ist kein Biopic im klassischen Sinne, vielmehr ein zuckersüßes Familienabenteuer, von der Nase bis zum Seitenleitwerk beflügelt von Erinnerungen.
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Nachtflug nach L.A. entführt in eine Fantasiewelt
Travolta inszeniert die Constellation als idyllische Blase. Jeff und seine Mutter boarden eine Fantasiewelt, in der für ein paar Stunden die Probleme der Welt so klein aussehen wie die Autoscheinwerfer aus 7.000 Metern Höhe. Hier werden Martinigläser, Zigarettenschachteln und aufgewärmte Hähnchen-Cordon-Bleus so verheißungsvoll in Szene gesetzt, als handelte es sich um den Ring der Macht.
Deswegen ist das Schöne an diesem Nachtflug ausgerechnet die Entdeckung der Langsamkeit. Das Propellerflugzeug muss mehrere Zwischenstopps auf dem Weg nach Los Angeles einlegen. Zeit genug, um Travolta zuzuhören, der als Erzähler den älteren Jeff spricht. Im Voice-Over berichtet er von den unerfüllten Sehnsüchten der schauspielernden Mutter oder schwärmt mit kindlicher Verzauberung einer Stewardess hinterher. Es gibt keinen nennenswerten Plot, aber den braucht man nicht für diesen Wohlfühlfilm.
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Interessanterweise spielen technische Macht und Geschwindigkeit des Flugzeugs als Erfindung eine nebensächliche Rolle. Darin hebt sich Travoltas Regiedebüt von anderen leidenschaftlichen Fliegern im Filmgeschäft ab, von Howard Hughes, der seine Obsession in den Fliegerstunts von Höllenflieger auslebte, bis hin zu Travoltas Scientology-Kollegen Tom Cruise. In Top Gun oder Mission: Impossible zeigt Cruise in den Kampfjets und Doppeldeckern, wie er über die eigenen menschlichen Grenzen hinauswächst. Nachtflug nach L.A. zelebriert demgegenüber die Kleinigkeiten, die unsere Erinnerungen mit Leben füllen. Ein Glas Cola über den Wolken zum Beispiel oder ein Barett in einem Kino an der südfranzösischen Küste.
Ich habe Nachtflug nach L.A. im Rahmen der Weltpremiere bei den Filmfestspielen von Cannes 2026 gesehen. Der Film startet bereits am Freitag, dem 29. Mai, bei Apple TV in Deutschland.
