Die harte Killer-Serie Hannibal ist demselben Kopf entsprungen wie die warmherzig-schrullige Fantasy-Komödie Pushing Daisies. Insofern haben wohl nur Fans von Bryan Fuller eine ungefähre Vorstellung, was sie in dessen Kinodebüt Dust Bunny erwartet. In unserem spoilerfreien Filmcheck verraten wir euch mehr.
- Dust Bunny läuft derzeit auf den Fantasy Filmfest White Nights 2026
Dust Bunny ist ein Action-Horror-Kinderfilm mit FSK 16
Kennt ihr das, wenn ihr lange nicht sauber macht, Staub aneinander hängenbleibt und sich so zu unformigen Kügelchen ballt? Im Deutschen nennt man solche federleichten Schmutzansammlungen umgangssprachlich "Wollmäuse", im Englischen sagt man hingegen "Dust Bunny" (also "Staubhase").
Bryan Fullers eigenwilliges Abenteuer ist aber nur im weitesten Sinne ein Film übers Aufräumen. Stattdessen entführt uns die Geschichte unter ein staubiges Kinderbett. Dort, da ist die kleine Aurora (Sophie Sloan) ganz sicher, haust ein Monster in Gestalt eines gigantischen Hasen, der ihre Familie fressen will. Um das Ungeheuer loszuwerden, heuert sie einen Monsterjäger an. Zum Glück lebt zufälligerweise ein Auftragskiller (Mads Mikkelsen) nebenan.
Schaut hier den Trailer zu Dust Bunny:
Serienfans kennen den Namen Bryan Fuller seit Jahrzehnten. Sein Pushing Daisies (über einen Tote aufweckenden Kuchenbäcker) ist eine der schönsten Fantasyserien des Jahrtausends, während seine düstere Serienkillerinterpretation Hannibal ihre Fans auch zehn Jahre nach dem Ende noch inbrünstig eine 4. Staffel fordern lässt. Außerdem schuf der Drehbuchautor die Serien Dead Like Me, Wonderfalls, American Gods und Star Trek: Discovery und schrieb viele Episoden von Heroes und Star Trek: Raumschiff Voyager.
Was für einen Film dreht also ein vor Ideen sprudelnder Mann wie Fuller, wenn er erstmals selbst ein Kinoprojekt als Regisseur inszeniert? Dust Bunny liefert die Antwort: eine Léon - Der Profi-Variante als Familienhorrorfilm ab 16. Mal kindlich und mal rücksichtslos lotet dieses eigensinnige Kinoabenteuer die Grenzen der Fantasie genauso aus, wie die Grenzen dessen, was alles in einen Film passt.
Kaninchen-Killer oder Killer-Kaninchen? Mads Mikkelsen erdet Dust Bunny
Dass Fuller erneut mit seinem Hannibal-Hauptdarsteller Mads Mikkelsen zusammenarbeitet, bereichert Dust Bunny ungemein. Der nicht zuletzt für seine unzähligen Bösewichtrollen bekannte Däne spielt angenehm ruhig den Zweifler und widerwilligen Helfer. Während er auf seinen Job als "normaler" Killer beharrt, will die kleine Aurora ihn in ihrer blühenden Fantasie unbedingt als Monsterjäger sehen. So lässt der Actionfilm uns lange in der Schwebe, wem wir Glauben schenken sollten. Ist das hier ein Fantasy-Horrorfilm oder doch ein reiner Action-Thriller?
Gaststars wie Sheila Atim als Sozialarbeiterin, David Dastmalchian als "verdächtig unverdächtiger Mann" und Sigourney Weaver als Auftragskiller-Matrone sprenkeln Dust Bunny mit unterhaltsam skurrilem Personal. Seine Erdung findet der Film aber in kleinen Momenten, wie wenn die einsame Aurora ihre Hand in die Finger schiebt, die sonst nur zum Töten da sind, und ein triumphierendes Lächeln sich auf das Kindergesicht stiehlt. Zumal der Killer den Namen des Mädchens ("Erora? Arora?") als Dauergag einfach nicht richtig aussprechen kann. Zusammen geben das kleine Mädchen und der erwachsene Mann ein einnehmendes Duo ab, dem man gerne auch in die rabiateren Ecken der Erzählung folgt.
Denn die Finger macht sich Dust Bunny nach dem Killer-mit-Mädchen-Vorbild von Léon - Der Profi durchaus dreckig. Fuller versucht dabei, einen Kompromiss für seine Gewalt zu finden: beim Leichenzerstückeln darf Aurora nicht zusehen (und wir auch nicht), beim Einpacken der Gliedmaßen in den Kinderkoffer hingegen schon. Während sich diese ungewöhnliche Ehe von Jung und Alt, Fantastin und Realist, Träumen und Töten meist gut in den Film einfügen, wirkt nur die Suche nach dem richtigen Tonfall in der schlingernden Handlung etwas holperig.
Dust Bunnys Ideenreichtum ist Stärke und Schwäche zugleich
Die überzeugende Verspieltheit, die viele von Bryan Fullers Werken durchzieht, findet sich auch in Dust Bunny. Sie spiegelt sich in jedem Tapetenschnörkel des wunderlich antiquierten Wohnhauses, jedem deutlich sichtbaren Fußabdruck auf Mads Mikkelsens Trainingsjacke und in jeder Blüte auf der Bluse von Sigourney Weavers Killer-Matriarchin, die vor einer ausufernden Pflanzenrabatte posiert. Am besten symbolisiert den abgedrehten Charakter des Films wohl sein eindrücklichstes Möbelstück: die Lampe eines ausgestopften Huhns, der eine Glühbirne aus dem Allerwertesten scheint. Das mag nicht besonders praktikabel sein, ist aber auf jeden Fall einen Lacher wert.
Diese Schrulligkeit in jedem Set-Winkel verleiht Dust Bunny seinen unverwechselbaren Charakter und setzt sich in der Lichtsetzung und Kameraführung fort. Dass dieser handgemachte Charme um eine große Zahl computeranimierter Sequenzen erweitert wird, ist schade. Zumal die seltsam künstliche Animation sich hebender Bodendielen nicht ganz der gewohnten Kinoqualität entspricht und immer wieder aus dem Rahmen fällt.
In der Verlängerung verheddern sich auch im Tonfall erwachsene Standards und kindliche Themen. Denn einerseits bieten Elemente wie das Monster unterm Bett, Auroras schützende Kuscheldecke, die Du-darfst-nicht-den-Boden-berühren-Regel und endlose Nein/Doch-Streits ausreichend Futter, um uns an einem roten Faden durch die Handlung zu führen. Andererseits holt Fuller aber auch noch FBI-Feuergefechte, John Wick-ähnliche Killer-jagen-Killer-Szenarien, verdrängte Vergangenheiten und Familienverluste mit in seinen Film, sodass am Ende der Überblick verloren geht, wer gerade gegen wen kämpft und warum.
In Dust Bunny ballen sich viele Ideen zu einem ungewöhnlichen Film. Nicht immer sammelt diese filmische Wollmaus all ihre Elemente gut ein. An einigen Stellen hätte mehr Aufgeräumtheit der verträumt dahinschlingernden Erzählung gut getan. Aber letztendlich macht die eigenwillige Killer-Komödie mehr Spaß, als dass ihre Fallstricke verärgern. Wo sonst könnte man auf dem Rücken eines riesigen Spielzeugnilpferds durch die Wohnung paddeln, um Monster der felligen und menschlichen Sorte zu jagen?
Dust Bunny läuft aktuell auf den Fantasy Filmfest White Nights, die im Januar in sieben deutschen Städten stattfinden. Ab 19. Februar 2026 kommt der Film dann regulär ins Kino.
