Community
Game of Thrones S08E03: Niemand konnte den Nachtkönig schlagen aber warum?

Das Problem der Logiklücke in GoT und sonstwo

01.05.2019 - 19:25 UhrVor 1 Jahr aktualisiert
45
4
Arya und der Nightking - auf Augenhöhe
© HBO
Arya und der Nightking - auf Augenhöhe

Du glaubst Logiklücken in der Folge "The Long Night" von Game of Thrones gefunden zu haben, weil der Nachtkönig vom Feuer der Drachen unbeschadet bliebt oder warum Arya den Nachtkönig unbemerkt erreichen und töten konnte. Ich gebe dir Recht, du hast anscheinend eine logische Inkonsistenz erkannt, aber vielleicht ist es Magie und manchmal wirkt Magie und manchmal nicht. Du siehst darin immer noch logische Lücken und außerdem gibt es noch viele andere Filme wie „Der Herr der Ringe“, „Superman“, die Biopics von "Goethe" oder "Charly Chaplin" u.a. denen du Logiklücken bescheinigst, dann lass dir von mir gesagt sein:

Ich werde gegen diese Phrasendrescherei von „Logiklücken“ ins Felde ziehen und ihr durch Aufklärung ein für alle Mal das Handwerk legen. (schmunzelnd)

1. Das Grundproblem: Wahrnehmung

Alles beginnt damit, dass du wahrscheinlich eine Vorstellung von Realität hast, die nicht der Wirklichkeit entspricht. Alles mag aus deiner Perspektive als wahr und logisch konsistent erscheinen und du widersetzt dich der Unlogik, was ein große Heldenaufgabe ist, aber Platons Höhlengleichnis aus der Antike hat sich mit diesem Thema auch schon beschäftigt.

Wir nehmen an, dass wir fähig sind das Gesamte des Seins und die Existenz des Kosmos zu erkennen, womit wir dem Universum eine logische Konsistenz unterstellen. Aber der Logik der Universums sind wir egal. Wir entscheiden nicht für das Universum, es funktioniert scheinbar logisch, in jedem Fall von ganz alleine, aber ganz sicher können wir uns nicht sein, denn wir haben nicht die Fähigkeit das Universum im Großen und Ganzen zu durchschauen. Das ist übrigens die größte Logiklücke die wir kennen. Wir haben keine Erklärung dafür, warum es da ist. Die materielle Wirklichkeit könnte logisch Konsistent sein, aber unsere geistige Wirklichkeit ist es nicht. Unsere Wahrnehmung täuscht uns ständig, selbst dann wenn wir genau hinschauen. Das was wir sehen ist unscharf, es ist die sog. Heisenberg‘schen Unschärferelation. Es ist wie der Effekt der Elektronenverschränkung auf Quantenebene: Wenn wir genau hinschauen, beeinflussen wir die Realität und wir sehen nicht das was wirklich ist. Wir sehen tatsächlich nur eine Momentaufnahme und nicht das Gesamte. Unser Leben besteht aus Fragmenten der Wirklichkeit. Das ganze Leben ist eine ständige Kontingenzbewältigung und besteht im Ausgleich der vorhanden logischen Lücken, die uns unser Gehirn gerne vorenthält.

2. Die größte Ent(täuschung) deines Lebens

Es dir vielleicht nicht entgangen, dass du ein Mensch bist, d. h. du hast aufgrund deiner beschränkten Wahrnehmung kein Bild der Wirklichkeit, hinzu kommt dass du einen Fokus hast und nur einen Bereich genauer, aber nicht exakt, erkennen kannst, wodurch du den Kontakt zum Gesamtbild verlierst. Es ist wie der Affe, der sich nicht im Spiegel erkennt und es auch nicht ahnt. Genauso geht es uns Menschen. Zudem hast du Erwartungen die deinen Fokus lenken (Rosenthal Effekt, Placebo Effekt) und es ist dir nicht mal bewusst. Hinzu kommen noch einige menschliche übliche Denkfehler wie Vorurteile, Rezenz-Effekt etc. und du wählst ob du etwas extern und intern kausal attribuierst. Du wählst, ob bewusst oder unbewusst, den Teil der Wirklichkeit, welcher dir als kontingent erscheint, während du alles Inkontigente ausblendest. Das Wissen um die Gravitation mag naturwissenschaftlich gemessen sicher sein, aber schon das Wissen darum was uns Menschen von heute auf morgen auslöschen kann ist sehr unsicher, denn selbst die Näherungswerte stimmen oft nicht z.B. der größte Vulkan Deutschlands ist seit Jahrhunderten überfällig. Am nächsten Tag kann alles für dich zu ende sein, doch du stellst dir trotzdem den Wecker, weil du eine Erwartung hast. Diese Erwartung ist mit nichts sicher zu beweisen und dir ist das auch egal, weil es gut für dich ist. Du hast keine Angst, du hast nichts was dir die Stimmung verdirbt. Ach wie schön kann Täuschung sein. Sie spart sogar Energie.

Genauso wie deine Wahrnehmung dich über die Realität hinwegtäuscht, weil du ein Mensch und unfähig dazu bist das große Ganze mit Wörtern zu beschreiben, so täuscht dich die Fiktion, denn die Fiktion ist sogar nur ein winziger literarischer Ausschnitt aus einem Kosmos. Was die Realität betrifft, das gilt auch für die Fiktion, wir nehmen unser Wahrnehmungsdefizit einfach mit in die Fiktion, denn wenn unsere Wahrnehmung der Realität schon nur ein gefilterter Ausschnitt aus der Wirklichkeit ist, dann ist die Fiktion ein Ausschnitt eines trüben Ausschnitts der Wirklichkeit.

Ob es ein Film oder ein Buch ist, das ist dabei völlig egal, denn beides basiert auf einer Literatur. Deshalb kannst du einen Geldschein auch als fiktive Literatur betrachten. Keiner weiß, ob das Stück Paper nicht durch ein Inflation morgen noch das Material Wert ist auf dem es gedruckt ist. Aber du bist dir ganz sicher, weshalb du Geld gerne anhäufst. Natürlich könnte man jetzt einwenden, dass es realistischere Literatur gibt, die auf wahren Begebenheiten beruht und dass man dies von Fantasie-Literatur trennen muss. Das mag sein, aber in beiden Fällen ist die Darstellung einer Welt fiktiv, denn selbst eine Biografie oder eine Dokumentation ist fiktiv, weil subjektiv, weil perspektivisch, weil aus menschlich individueller Wahrnehmung, des Erschaffers und des Betrachters, die völlig unterschiedlich sind. Die Biografie oder Dokumentation gibt vor logisch Konsistent zu sein, aber sie ist nicht vollkommen logisch konsistent. Sie ist von der Wirklichkeit nur ein Parsec weniger von der Unendlichkeit entfernt als die Fiktion. Du täuschst dich also, wenn du glaubst, dass du mehr weißt, als du nicht weißt.

Ob Fiktion oder vermeintliche Realität. Das Gehirn speichert Erinnerungen, ob fiktiv oder real, am gleichen Ort. Das macht es dir nicht gerade leicht dieser Täuschung aus dem Weg zu gehen.

3. Der Zweifel, der Glaube, die Fantasie

Deshalb hat sich in der Menschheit recht früh das Genre des Fantasy (früher Märchen und Mythen) herausgebildet, denn wenn man sich schon der logischen Konsistenz der Welt nicht sicher sein kann, dann schafft man wenigstens ein Genre in dem auch alles unlogisch sein darf, in dem es Logiklücken geben darf, denn Logiklücken können mit Fantasie gefüllt werden, notfalls mit der Begründung, dass es Magie war oder ein Universum in dem unmögliches eben möglich ist. In unserer Fantasie ist viel mehr möglich, was in der Realität unmöglich wäre.

Diese Erkenntnis hat etliche Dichter, Literaturtheoretiker und Philosophen unter anderem Samuel Tylor Coleridge dazu veranlasst zur Theorie der willentlichen Aussetzung der Ungläubigkeit und wird auch auf Filme übertragen. Darunter sind aber nicht nur Fantasyfilme, sondern die Aussetzung der Ungläubigkeit gilt auch dort, wo eine Geschichte Stunts und Spezialeffekte enthält, wobei der Actionfilm-Zuschauer es willentlich hinnimmt, dass der favorisierte Protagonist immer Munition hat und immer trifft oder nicht gleich stirbt, während andere unwichtigere Nebenschauspieler gleich sterben. Das Aussetzen der Ungläubigkeit richtet sich also nicht nach der tatsächlichen erkannten logischen Inkonsistenz, sondern der Zuschauer entscheidet ob er eine logische Inkonsistenz übersieht. So finden beispielsweise Zuschauer, dass Supermans Verkleidung als Clark Kent quasi non-existent ist und dass er trotzdem nicht von seinen Kollegen erkannt wird, aber die gleichen Zuschauer haben kein Problem damit, dass er ein Superwesen ist.

4. Der Versuch sich nicht täuschen zu lassen

Sein berühmtester Gegner, J. R. R. Tolkien, wandte mit der Einführung seines Modells des „Weltenbastelns“ in dem Essay „On Fairy Stories“[1] ein, dass es in jedem fiktiven Kosmos eine in sich geschlossene Konsistenz und Logik gibt.

That state of mind has been called “willing suspension of disbelief.” But this does not seem to me a good description of what happens. What really happens is that the story-maker proves a successful “sub-creator.” He makes a Secondary World which your mind can enter. Inside it, what he relates is “true”: it accords with the laws of that world. You therefore believe it, while you are, as it were, inside. The moment disbelief arises, the spell is broken; the magic, or rather art, has failed.

- J. R. R. Tolkien

Festzuhalten ist, dass er in außerordentlicher Weise versucht hat seine fiktive Welt in „Herr der Ringe“ durch die Enzyklopädie „Simarillion“ mehr Konsistenz zu verleihen, als das jemals ein anderer vor ihm versucht hat. Trotz aller Anstrengungen konnte er aber nicht verhindern, dass es zu Logiklücken kam, auch wenn man danach sehr gut suchen muss. Es ist zum Beispiel nie die Rede davon, dass einer der Charaktere auf seiner Toilette sitzt und Fäkalienabort betreibt. Das ist ein lustiges, wie ernstes Beispiel dafür, dass wir einen Teil willentlich ausblenden. Weniger lustig ist, dass Magie einmal wirkt und einmal nicht, womit Magie zur Ausrede für alles logisch Inkonsistente werden kann, auch in der Welt von „Der Herr der Ringe“. Außerdem liest niemand der Herr der Ringe und denkt sich die ganze Zeit „Ach das ist ja nur Fantasy“, sondern man verliert sich temporär in der Fiktion und geht damit zeitweise einen Vertrag zur Aussetzung der Ungläubigkeit ein. Ein Ausweg aus der Täuschung gibt es auch für Tolkien nicht.

5. Ich weiß genau was Realität und was Fiktion ist

Der Philosoph Kendall Walton kritisiert das Modell Coleridge mit dem Gegenargument, dass ein Zuschauer, der wirklich seine Ungläubigkeit abgelegt habe, auf fiktionale Ereignisse regieren müsse, als ob sie real wären. So würden sie versuchen, das Opfer in einem Krimi per Ausruf zu warnen, wenn der Mörder sich von hinten anschleiche.[2] Kendall Watson hat dabei nicht berücksichtigt, dass es Menschen gibt, die bei einem Film solche Reaktionen zeigen können, aber neurologisch Versuche bestätigten, dass die gleichen Hirnareale mit gleicher Intensität aktiv sind, auch wenn es sich um einen fiktive Situation handelt. Das Erregungspotential nach einem Film beeinflusst auch das Handeln, denn es senkt die Aktivierungsschwelle für weitere Handlungen. Das Modelllernen des Albert Bandura zeigt zudem, dass der Inhalt von fiktiven Situationen einen genauso so großen Einfluss auf das spätere Handeln des Zuschauers hat, wie reale Situationen. Wenn auch die Grundlage eine Fiktion ist, wird die Botschaft in die Realität überführt. Dies bildet auch eine Einheit mit dem Thomas Theorem, bei dem es heißt, dass gleich wie irreal eine Situationseinschätzung ist, die Konsequenzen real werden. Für Fiktionen gilt das natürlich nur teilweise und Kendall Watsons Gedanken evoziert die Erkenntnis, dass die willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit bei psychisch normalen Menschen kein permanenter Vorgang ist sondern temporärer Art. Bezeichnend ist aber, dass das Gehirn fiktive und reale Erfahrungen an gleich Stelle abspeichert, weshalb man sich fragen muss, wie der Mensch danach wissen kann, ob seine Erinnerungen und Wahrnehmung real oder fiktiv sind.

Ein anderer berühmter Literat dessen Ideen hochklassig verfilmt wurden, hat sich damit sehr erschöpfend beschäftigt, wie weit man sich in der Fiktion verlieren kann. Philip K. Dick hat seine Erkenntnisse in das Meisterwerk „The Man from the High Castle“ transportiert, bei dem es ihm gelingt zwei Fiktionen in einem Werk zu erschaffen, die miteinander darum konkurrieren, ob sie vom Leser bzw. Zuschauer als real hingenommen werden. Gerade zu dem Zeitpunkt als man als Zuschauer akzeptiert hat, dass die Nazis und die Japaner den zweiten Weltkrieg gewonnen haben, setzt die willentliche Aussetzung der Ungläubigkeit ein, die diese Fiktion als logisch konsistent erscheinen lässt, aber sobald dies sich gefestigt hat, dekonstruiert Philipp K. Dick diese Fiktion und präsentiert eine Gegenfiktion, die der Zuschauer aus seinem realen Kosmos kennt, nämlich dass die Alliierten gewonnen haben. Die Protagonisten haben aber nicht unsere Sicht des Zuschauer, denn das was sie für real hielten war für uns Fiktion. So ergibt sich für den Betrachter das Problem, dass das was für uns als Zuschauer als reale Geschichte bekannt ist in „The Man of the High Castle“ nicht zwangsläufig reale Geschichte ist. Beide Fiktionen können aus der Sicht der Protagonisten wahr sein. Während wir Zuschauer die Ungläubigkeit aussetzen um die Protagonisten zu verstehen, setzen die Protagonisten ihre Gläubigkeit aus. Philipp K. Dicks Biografie weist darauf hin, dass er wegen drogeninduzierter Schizophrenie behandelt wurde und zeitlebens Schwierigkeiten hatte die Realität von der Fantasie zu trennen. Dies krönt er mit dem Zitat:

Strange how paranoia can link up with reality now and then.

– Philipp K. Dick

Ein weiteres Zitat von Philipp K. Dick führt uns wieder näher zurück an das Grundthema, der nun als „temporär“ festgestellten willentlichen Aussetzung der Ungläubigkeit. Nach Dick sei Realität das, was nicht verschwände, wenn man nicht daran glaube. Danach ist Fiktion das was verschwindet, wenn man nicht daran glaubt. Das impliziert, dass Fiktion geglaubt werden muss.

6. Ich will dieser Phrasendrescher durch Aufklärung endgültig das Handwerk legen, deshalb sage ich dir zum Schluss:

Bevor du also das nächste Mal etwas von „Logiklücken“ schreiben willst, lass bitte eine Lücke, es wird schon eine Erklärung dafür geben, vielleicht fehlt dir einfach die Fantasie, dich in dem doch für dich viel zu großen fiktiven Kosmos des Autors selbst zurechtzufinden. Wenn du wartest fällt dir bestimmt selbst bald darauf etwas ein, du musst nur wollen und wenn nicht, dann lass es sein darauf rumzuhacken, denn du bist nicht glaubwürdig, denn du suchst logische Inkonsistenzen willkürlich, obwohl du sie überall finden wirst. Du behinderst damit nur deine Kreativität und Fantasie willentlich nur um vermeintlich genauer hinzusehen

Und wenn dich das alles nicht überzeugt hat, dann hattest du ein mit Folge 8.3 von GoT eben ein schlechtes Erlebnis, für das du 78 min vorm Screen Zeit verschwendet hast, um mit einer miesen Stimmung abzuschalten. Ich hingegen hatte Spaß, aber ich bin ja scheinbar irr(ational) unterwegs.


[1] On fairy-stories  auf http://brainstorm-services.com/wcu-2004/fairystories-tolkien.pdf, S. 12.

[2] Vgl. Kendall L. Walton: Fearing Fictions.  In: JSTOR  (The Journal of Philosophy , Vol. 75, No. 1, 1978, Seiten 5–27).


Das könnte dich auch interessieren

Angebote zum Thema

Kommentare

Aktuelle News