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Der Versuch einer längst fälligen Neudefinition

Coming of Age – „Jedes Alter hat seine Lehren.“

30.09.2017 - 15:00 UhrVor 3 Jahren aktualisiert
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Played by Heart
© Miramax
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Die Besprechung des Subgenres Coming-of-Age-Film

Als ich neulich mit Daggiologne über Lommbock sprach und ihn als oberflächlichen Coming- of-Age-Film bezeichnete, hat das einige Irritationen bezüglich des Genres des Coming-of-Age-Films ausgelöst, denn überprüft man die Definition des Begriffs „Coming of Age“, heißt es, dass es sich dabei um die Entwicklung des Menschen von der Kindheit hin zum vollen Erwachsensein handelt.

Der besondere Fokus liegt dabei auf der Adoleszenz, also einen Zeitabschnitt der bis zur Zeugungsfähigkeit reicht, aber auch das Heranreifen zur psycho-sexuellen, emotionalen und sozialen Reife mit einschließt. In den USA versteht man damit die Zeit von 13. Bis 19. Lebensjahr, in Europa von 16 bis 24 Jahren und die WHO einen Altersbereich von 10-20 Jahren. Damit wären Filme dieses Genres z.B. Stand by Me - Das Geheimnis eines Sommers, Es oder Almost Famous - Fast berühmt aber keinesfalls „Lommbock“ oder Into the Wild. Aber die unterschiedlichen Altersangaben, sowie der Teil der Definition, welcher sich auch auf die volle Entwicklung der psycho-sexuellen, emotionalen und sozialen Reife bezieht, führten dazu, dass ich die Definition von Coming-of-Age-Film anzweifelte.

Man entgegnete mir, ich könne nicht einfach einen feststehenden Begriff umdefinieren, auch wenn ich einwarf, dass die haargenaue Übersetzung von Coming-of-Age in Deutsche gar nicht gelingen kann und auch gar nicht auf einen bestimmten Altersbereich abzielt, was mit „Comming-of-Cradle“ oder „Comming-of-Puberty“ unzweifelhaft zu erkennen wäre.

Also habe ich mich zunächst auf die Suche durch das Internet gemacht und Filmlisten durchstöbert, die explizit Coming-of-Age-Filme ausweisen. Größtenteils findet man dort Filme, die tatsächlich der Definition einer Art Jugendfilm entsprechen wie My Girl, Almost Famous - Fast berühmt, Boyhood doch immer wieder tauchen auch Filme auf, die vor der Pubertät spielen oder weit danach wie American Beauty, dessen Protagonist Lester Burnham (Kevin Spacey) eine „Midlife-Crisis“ durchlebt. Das hat mich dann doch sehr verwundert, denn zum einen ist Lester etwa 50 Jahre alt, ist also weit jenseits der Adoleszenz, und zum anderen ist seine Entwicklung eher eine Krise mit tragischem Ausgang. Aber auch Walther White und Jesse Pinkman erleben in Breaking Bad ein Coming-of-Age auf ganz besondere Weise.

Ist die „Midlife-Crisis“ nicht sogar eine psychische Störung? Auch das habe ich nachgeprüft und herausgefunden, dass es sich nicht um eine psychische Störung handelt, sondern um einen pseudowissenschaftlichen Begriff, welcher eine Lebensmittekrise im Altersbereich von 40 bis 50 Jahren verortet. Doch es gibt nicht mal Symptome und wenn man unbedingt Symptome herausstellen wollte, könnte man sich eventuell darauf einigen, dass es sich dadurch bemerkbar macht, dass man sein bisheriges Leben in Frage stellt und sofern daraus keine psychische Erkrankung entsteht, die meisten Menschen mit gestärkter „innerer Reife“ daraus hervorgehen. Im Prinzip ist solch ein Vorgang nach der Beschreibung doch in jedem Lebensalter zu finden und es gibt auch keine signifikante statistische Häufung von Lebensmitte-Krisen im Altersbereich von 40-50 Jahren. Als der Roman „In der Mitte des Lebens“ von Gail Sheehy erschien, die den Begriff „Midlife-Crisis“ einführte, hat dies aber einen Hype ausgelöst und plötzlich fand jeder unzufriedene Mitvierziger in seinem langweiligen Leben ein Symptom für diese angebliche Krankheit. Es dauerte nicht lange, bis auch Hollywood Filme mit dieser Thematik produzierte. Zusammenfassend und für das Thema brauchbar, lässt sich sagen, dass es bei der Midlife-Crisis um einen Reifeprozess geht, womit die Verengung des Coming-of-Age Begriffs, ausschließlich auf den Reifeprozess während der Adoleszenz, weiter in Zweifel gezogen werden kann.

American Beauty ist nicht der einzige Film, der als Coming of Age-Film geführt wird und der nicht im Altersbereich von 10-24 spielt. Es gibt Filme, die sowohl davor ansetzen als auch danach und alle haben sie eines gemeinsam: ein innerer Entwicklungsprozess. Eine Darstellung der körperlich-sexuellen Entwicklung hingegen ist bei den wenigsten Coming-of-Age-Filmen z.B. bei Kids oder Ken Park, so explizit dargestellt und daher eher unterrepräsentiert. Im Vordergrund steht meistens die geistige Reife, die sich in den Dimensionen der psycho-sexuellen, emotionalen, sozialen, moralischen und kognitiven Entwicklung aber auch in der Persönlichkeitsentwicklung abspielt. Die meisten Facetten jugendlicher Entwicklungsaufgaben zeigt hier die Serie Skins – Hautnah , die alle zwei Staffeln eine neue Generation z. T. die jüngeren Geschwister aufs neue begleitet. Hier gibt es sogar storytechnisch wie bei Shameless einen US-Ableger, doch Skins – Hautnah (UK) ist in diesem Fall besser.

Skins - Hautnah (UK)

In fast all diesen o.g. Entwicklungsbereichen geht man davon aus, dass es ein Alter gibt, in dem die Entwicklung vollständig ist, doch die Realität zeigt etwas Anderes. Menschen leiden grundsätzlich unter Entwicklungsverzögerungen oder gar Störungen, die nach Freud, bisher auch nicht angezweifelt, in der Bewältigung unbewusster psychischer Konflikte gipfeln. Die Folge sind entweder im positiven Sinne Bewältigungsstrategien (coping) oder im negativen Sinne Abwehrmechanismen. Letztere sind nach Anna Freud u.a. Verdrängung, Vermeidung, Projektion oder Regression. Diese Vorgänge können in jedem Alter stattfinden, nämlich genau dann, wenn Entwicklungsschritte gehemmt oder gestört werden, also nicht abgeschlossen werden. Die einen schließen sehr früh damit ab, andere halten sich pünktlich an die Entwicklungstabellen, andere vollziehen die Entwicklung im Erwachsenenalter, wiederum andere schaffen es nicht mal vor dem Ableben Reifeschritte nachzuholen, die man eigentlich bis zum Ende der Adoleszent abgeschlossen haben sollte. Und es geht ja nicht nur um die notwendigen Reifeschritte, denn außer der biologischen Entwicklung, haben die geistigen Entwicklungsprozesse keine Obergrenze. Sonst würde die Menschheit keine neuen Ideen entwickeln.

Diese Erkenntnis ist nicht neu und so findet man bei eingehender Recherche auch den literarischen Verwandten des Coming-of-Age-Films, nämlich die Coming-of-Age-Novel, eine englische Sammelbezeichnung für die aus dem deutschen übernommenen Literaturgattungen des Bildungs-, Erziehung- und Entwicklungsroman. Diese unterscheiden zwar nach Altersbereichen, aber sie bezeichnen alle einen Romantypus, einen in dem die geistig-seelische Entwicklung einer Hauptfigur in ihrer Auseinandersetzung mit sich selbst und mit der Umwelt abgebildet wird. Dabei wird der Reifeprozess des Protagonisten so beschrieben, dass er seine Erlebnisse und Erfahrungen, auch die aus Krisen, reflektierend verarbeitet und in seine Persönlichkeit integriert. Dazu gehören Goethes „Leiden des jungen Werther“, Wilhelm Meisters Lehrjahre“ genauso wie Schillers „Die Räuber“, Oscar Wildes „Das Bildnis des Dorian Gray“ oder Salingers „The Catcher in the Rye“.

Es ist sogar so, dass diese Bildungsromane erst mit dem 19. Jh. zunehmen für jüngere Altersgruppen verfasst wurden, wodurch sich der gesellschaftliche Wunsch nach geistiger Weiterentwicklung auch im sozialen, moralischen und emotionalen Kontext manifestiert. Nicht ohne Grund gewinnt die Erziehungswissenschaft erst im Auslaufenden 19. Jh. mit allerlei Reformpädagogen, ausgelöst durch die Inspiration des Wiener Kreis, im Dunstkreis von Freud, an gesellschaftlicher Relevanz. Nach 100 Jahren wissenschaftlicher Beschäftigung mit diesem Thema, ist wohl die Generation X, die erste Generation, die sich der Aufgabe der Persönlichkeitsentwicklung stellt. So stellt Nick Hornby, selbst noch aus dem 50ern, in seinem Roman High Fidelity einen 35-jährigen Protagonisten namens Rob vor, der von den Erfahrungen mit seinen Top-Five-Exfreundinnen berichtet.

John Cusack in High Fidelity

Er möchte auf diese Weise herausfinden, was der Grund dafür ist, dass seine Beziehungen immer in die Brüche gehen. Von einer Midlife-Crisis kann man bei ihm also schwer sprechen, auch weil in der Verfilmung John Cusack eher eine Rolle Anfang der 30 verkörpert. High Fidelity aus dem Jahre 2000 trifft den Nerv der Generation X und sogar der Generation Y, wenn auch spezifisch der Indie- bzw. Intellektuellenfraktion, denn mit unter 20 Jahren hat man gewöhnlich eher wenig übrig für einen Schauspieler der die 30 verkörpert, es sei denn man ist ein reflektierter Mensch. Im Jahre 2000 feiert deshalb die Generation Y Almost Famous - Fast berühmt doch mit dem Beginn der neuen Indie-Welle gewinnt der Coming-of-Age Film so an Aufmerksamkeit, dass ein Into the Wild oder Das Schicksal ist ein mieser Verräter mittlerweile die Kinokassen klingeln lassen.

Das Schicksal ist ein mieser Verräter

Gleichzeitig erweitert sich der Altersbereich für Coming-of-Age Filme auf das hohe Seniorenalter mit Filmen wie Schultze gets the blues mit Horst Krause, der in Krüger aus Almanyasogar einen Gesinnungswandel im Bezug zu Rassismus, ähnlich wie Clint Eastwood in Gran Torino, vollzieht. Wolke 9 oder Hanekes Liebe beschäftigen sich mit Sex und Liebe im hohen Alter, ein Thema, das noch im letzten Jahrhundert nicht mit der Kneifzange angefasst wurde. Ein früher Vorreiter des Seniorenfilms ist David Lynchs Eine wahre Geschichte - The Straight Story, der als Roadmovie ähnlich wie Nebraska angesiedelt ist.

Drei Filme die auf unterschiedliche Weise deutlich machen, dass Coming-of-Age im jedem Alter stattfindet sind „Wer hat Angst vor Virginia Wolf“, dort treffen ein jüngeres Paar und ein älteres Paar aufeinander, die „Before.."-Trilogie (Before Sunrise, Before Sunset, Before Midnight) von Richard Linklater, welche einen Zeitraum von 18 Jahren aus der Perspektive von zwei Verliebten abbildet und der völlig unbekannte Leben und Lieben in L.A. mit großen Namen wie Gillian Anderson, Dennis Quaid, Ryan Philippe, Hilary Duff, Patricia Clarkson, Angelina Jolie und Sean Connery, mit fünf unterschiedlichen Liebespaaren in fünf unterschiedlichen Altersbereichen von 20-70 Jahren. Zu der „Before“-Trilogie kann ich leider noch nichts sagen, weil ich sie noch nicht geschaut habe. Warum mir „Playing by Heart“ am meisten am Herzen liegt, so dass ich damit schließen möchte, hat wohl mit seiner Unbekanntheit zu tun, andererseits mit der Erkenntnis, dass jedes Alter seine Lehren hat, weshalb es für einen auf Entwicklung bedachten jungen Menschen auch wichtig sein kann Filme anzuschauen, die weit über seiner Altersklasse spielen. „Playing by Heart“ macht es leichter, denn hier erlebt man die unterschiedlichen Generationen und ihre Probleme, dabei entdeckt man, dass einige ihre Erfahrungen später, andere schon früher machen.

Das Wunderschöne am Verlieben ist, dass du alles über diese Person lernst und so schnell. Und wenn es wahre Liebe ist, dann fängst du an, dich durch ihre Augen zu erkennen. Und das bringt das Beste in dir hervor. Es ist dann fast so als verliebtest du dich in dich selbst. - Sean Connery / Playing by Heart

Erst mit dieser Erkenntnis aus Coming-of-Age-Filmen mit älteren und jüngeren Identifikationsfiguren wird einem klar, dass man nicht, wie man meistens mit Mitte 20 glaubt, so bleiben wird wie man ist nur, dass man älter aussieht, nein, man wendet sich alle paar Jahr um 90 Grad, so dass man nach 20 Jahren eine volle Wendung um die eigene Achse gemacht hat und ein ganz anderer Mensch ist, anders als man ahnen konnte. Hier spreche ich aus der Rolle eines Spätentwicklers, der den ein oder anderen Film erst heute versteht.

Mit diesem Blogartikel wollte ich darstellen, warum ich der Meinung bin, dass der Coming-of-Age-Film in Bezug auf seinen Altersbereich neu definiert werden sollte. Ich habe im Internet Listen vorgefunden, die Coming-of-Age-Filme in jedem Altersbereich sammeln. Für mich ist somit klargeworden, dass der Begriff "coming-of-age" deshalb neu gedacht werden muss, auch weil man in den letzten Jahren erkannt hat, dass Menschen in jedem Alter Entwicklungsaufgaben haben. Darüber hinaus habe ich festgehalten, dass der Coming-of-Age-Begriff wörtlich übersetzt nicht auf einen bestimmten Altersbereich festgelegt ist, womit die Definition eher grob ist und Mängel aufweist, weil das Thema stiefmütterlich bearbeitet wurde. Man kann sich dabei um zwei Prinzipien streiten, die der Normativität und Deskriptivität. Ähnlich wie beim „Duden“, der die Deutsche Sprache nur beschreibt, während man in Frankreich die Sprach normiert, behaupte ich, dass Definitionen unter bestimmten Voraussetzungen verändert werden können, vor allem wenn die neue Definition eine Präzisierung des Coming-of-Age-Films ist, die an Literaturtraditionen anknüpft.

So definiere ich den „Coming-of-Age-Film“ auf folgende Weise neu:

Ein „Coming-of-Age-Film“ bildet eine Auswahl aus der gesamten Bandbreite menschlicher Entwicklungbereiche einer oder mehreren Hauptfiguren ab, die in ihrer Auseinandersetzung mit sich selbst und mit der Umwelt stehen. Dabei wird der Reifeprozess der Protagonisten so beschrieben, dass sie ihre Erlebnisse und Erfahrungen, auch die aus Krisen, reflektierend verarbeiten und einerseits in ihre Persönlichkeit integrieren, als auch ihr Leben nach den gewonnen Erkenntnissen bewusst umgestalten.

Zudem lade ich euch ein an meiner Liste für Coming-of-Age-Filme teilzunehmen:

Meine Liste "Coming of Age - Jedes Alter hat seine Lehren"

Vielen Dank fürs Lesen und Kommentieren!

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