Vor weniger als einem Jahr ging mit The Handmaid's Tale eine der besten Sci-Fi-Serien unserer Zeit nach insgesamt 6 Staffeln zu Ende. Die schreckenerregende Dystopie ist damit allerdings noch nicht abgeschlossen. Bereits am 8. April führt die Sequel-Serie The Testaments: Die Zeuginnen bei Disney+ erneut in die totalitäre Zukunftsrepublik Gilead.
Als Mix aus Sci-Fi-Jugenddrama, Spionage-Thriller und Horrorversion des Netflix-Hits Bridgerton verspricht The Testaments eine überraschende Fortsetzung, die einiges anders macht als das Original. Ob sich der neue Ausflug nach Gilead lohnt und auch für Serienfans geeignet ist, die The Handmaid's Tale nie (zu Ende) gesehen haben, verrät dieser Serien-Check.
Dystopische Sci-Fi bei Disney+: Darum geht's in The Testaments
Mehrere Jahre nach dem Ende von The Handmaid's Tale führt The Testaments zurück in das totalitäre und religiös fanatische Regime Gilead. Es ist ein patriarchalisches System, in dem Frauen keine Rechte und keinen Besitz haben. Eigene Bedürfnisse und Begierden sind verboten, sie haben nur Gott und ihrem Mann zu dienen. In dieser Welt führt die Geschichte an die Tante-Lydia-Eliteschule, auf der junge Frauen aus angesehenem Hause auf eine Zukunft als ergebene Ehefrauen vorbereitet werden.
Dazu gehören auch Agnes MacKenzie (Chase Infiniti) und ihre Freundinnen, die als Plums (Teenagerinnen müssen lila tragen) nur darauf hoffen, zu Grünen (fruchtbare junge Frauen) aufzusteigen und eine gute Partie zu finden. Doch Agnes' Geschichte nimmt eine Wendung, als ihr das Perlenmädchen Daisy (Lucy Halliday), eine den Tanten unterstellte Konvertitin aus Kanada, zur Seite gestellt wird. Diese konfrontiert die Plums nicht nur mit unbequemen Fragen, sondern befindet sich auf einer geheimen Spionage-Mission in Gilead.
Hier könnt ihr den Trailer zu The Testaments schauen:
Die wichtigsten Fakten:
- Episoden: 10
- Länge: zwischen 37 und 50 Minuten pro Folge
- Vorlage: Margaret Atwoods Roman Die Zeuginnen (2019)
- Serienschöpfer: Bruce Miller (The Handmaid's Tale)
Muss ich The Handmaid's Tale dafür gesehen haben?
Vorwissen zu The Handmaid's Tale ist eigentlich nicht notwendig, denn The Testaments erschafft mit einem engen Fokus auf die Erlebnisse junger Frauen an einer Schule einen eigenständigen Mikrokosmos und liefert genug Kontext, wie die Welt von Gilead funktioniert. Fans des Originals werden vom Spin-off hingegen mit reichlich Verweisen auf frühere Ereignisse und Charaktere sowie unerwarteten Cameos überrascht.
Im Gesamten betrachtet scheint The Testaments aber davon auszugehen, dass ein Großteil des Publikums The Handmaid's Tale nicht (komplett) verfolgt hat. Wer June Osbornes (Elisabeth Moss) frühere Erlebnisse in Gilead kennt, wird sogar eine ganz andere Seherfahrung haben und spätere Enthüllungen schon von der ersten Minute an erkennen. Es gibt sogar einige herzzerreißende Momente, die Neulinge überhaupt nicht als solche erkennen werden.
The Testaments zeigt die Sci-Fi-Dystopie aus einer ganz neuen Perspektive
Obwohl The Testaments die Geschichte von The Handmaid's Tale mit starken Verbindungen fortsetzt, fühlt sich das Serien-Sequel trotzdem ganz anders an – beginnend damit, dass Mägde und ihre ikonischen roten Roben samt weißen Hauben überhaupt nicht zu sehen sind. Während das Original mit seiner anfangs nihilistischen und klaustrophobischen Atmosphäre eine schwer erträgliche Serienerfahrung erzeugte, ist The Testaments im Kern eine bekömmlichere Coming-of-Age-Geschichte. Als Young-Adult-Dystopie à la Tribute von Panem oder Divergent lässt uns die Serie Gilead aus einer erfrischend anderen Sicht neu kennenlernen.
Teilweise lässt sich The Testaments sogar als Horror-Bridgerton im Setting einer YA-Dystopie beschreiben. Denn hier blicken wir auf Gilead aus der Sicht junger und von kleinstauf indoktrinierter Mädchen. Unterdrückung, Gewalt und schreckliche Exekutionen nehmen sie nur peripher und gleichgültig wahr, während sie euphorisch der nächsten Ballsaison entgegenblicken, um einen möglichst attraktiven und einflussreichen Commander als Ehemann zu finden. Das mag zu Beginn etwas befremdlich wirken, liefert jedoch einen wirksamen Kontrast, sobald sich Perspektiven verschieben.
Wie schon Margaret Atwoods Romanvorlage Die Zeuginnen teilt sich nämlich auch die Serienadaption in drei Erzählperspektiven auf, die durch unterschiedliche Voiceover pro Episode getrennt sind. Ist Agnes' rückblickende Erzählung von Naivität gezeichnet, liefert Daisys Perspektive hingegen eine weitaus zynischere Sicht auf den Schrecken hinter der idyllischen Fassade. Wie einst schon June Osborne begibt sie sich in ein gefährliches Spiel, in dem sie sich anpassen und ihre wahren Gedanken stets verbergen muss. Ein Highlight verspricht schließlich der Wechsel zu Tante Lydias (Ann Dowd) Blickwinkel, der uns erstmals ihre erschütternde Vorgeschichte enthüllt.
Lohnt sich The Testaments: Die Zeuginnen?
Im Gegensatz zu The Handmaid's Tale richtet sich The Testaments vordergründig an ein jüngeres Publikum und funktioniert dabei sowohl als eigenständige Serie als auch als Legacy-Fortsetzung, die eine neue Geschichte mit bestehendem Kanon verknüpft. Die Serie ist vielleicht weniger drastisch, aber weitaus mehr als nur eine Teenieversion des Originals.
Natürlich treiben auch YA-typisch verbotene Gefühle, Liebeswirren und Eifersucht die Handlung voran. Mit jeder weiteren Episode wird die Geschichte aber zunehmend ernster, beklemmender und brutaler, wenn die jungen Plums ihre rosarote Bridgerton-Brille ablegen und mit sexueller Gewalt und der tragischen Realität von Frauen in Gilead konfrontiert werden.
Vor allem Chase Infiniti, die gerade erst im sechsfachen Oscar-Gewinner One Battle After Another begeisterte, erschafft aus der blauäugigen Agnes eine komplexe Figur, die die größte Entwicklung in Staffel 1 durchmacht. Doch auch die restlichen Plums Becka (Mattea Conforti), Huldas (Isolde Ardies) und Shunnamite (Rowan Blanchard) brechen als tragische Heldinnen mit anfänglichen Klischees – und wachsen zunehmend ans Herz.
The Testaments: Die Zeuginnen ist eine unerwartet starke Serien-Überraschung. Wer mit Staffel 1 allerdings einen würdigen Abschied der The Handmaid's Tale-Saga erwartet, wird enttäuscht. Wie so viele Serien der Streaming-Ära leidet auch das Sci-Fi-Drama unter der lästigen Krankheit, die erste Season als eine Art Prolog zu erzählen, der mit einem Cliffhanger direkt ungeduldig auf Staffel 2 warten lässt.
Die 1. Staffel von The Testaments: Die Zeuginnen wird ab dem 8. April 2026 wöchentlich bei Disney+ veröffentlicht. Grundlage für diesen Serien-Check sind alle 10 Episoden.
