Black Swan mit Charli xcx: The Moment-Regisseur Aidan Zamiri über die Entstehung des Brat-Films im Interview

22.02.2026 - 11:39 UhrVor 20 Tagen aktualisiert
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Zum Kinostart von The Moment haben wir mit Regisseur Aidan Zamiri über die Entstehung der Brat-Mockumentary, Filmliebhaberin Charli xcx und den The Verve-Klassiker Bitter Sweet Symphony gesprochen.

Es war eines der größten popkulturellen Phänomene der vergangenen Jahre: Brat, das sechste Studioalbum der britischen Singer-Songwriterin Charli xcx, verwandelte sich im Sommer 2024 in einen unaufhaltsamen Rausch, der als Mischung aus Radikalität und Verletzlichkeit faszinierte. Brat bündelte auf seiner neongrünen Oberfläche perfekt den Zeitgeist der Post-Corona-Ära und dennoch fiel es den meisten Menschen schwer, zu beschreiben, was sich unter dieser Oberfläche genau versteckt.

In Form einer Mockumentary blickt nun The Moment hinter die Kulissen des Brat Summers. Hier begegnen wir einer Künstlerin am Rand des Nervenzusammenbruchs und einem gierigen System, das versucht, sich Brat zu eigen zu machen. Ein Konzertfilm für soll das Phänomen verlängern und öffnet das Tor zu einem abgründigen Psycho-Thriller. Wie der Film genau entstanden ist, verrät uns Regisseur Aidan Zamiri, der bereits die Musikvideos zu den Brat-Songs 360 und Guess inszeniert hat.

Moviepilot: War The Moment von Anfang an eine Mockumentary über einen Konzertfilm oder hattet ihr auch andere Ideen?

Aidan Zamiri: Ich kann mich daran erinnern, dass mir Charli im September 2024 ein Dokument geschickt hat, das für uns eine Art kreativer Anker wurde. Da stand zwar noch nicht die komplette Geschichte des Films drin, aber der ursprüngliche Gedanke war, einen Behind-the-Scenes-Film zu drehen, der dieses seltsame Gefühl einfängt, wenn man ein Kunstwerk geschaffen hat und es anschließend mit der Welt teilt.

Eigentlich dachten wir, dass alles auf ihren Auftritt auf der Bühne hinauslaufen wird. Doch dann haben wir festgestellt, dass der Prozess hinter dem Konzertfilm noch interessanter ist. Sobald wir diese Form gefunden hatten, war uns klar, dass es der beste Weg ist, diese Zerrissenheit einzufangen: Da existiert etwas, das sich wie ein Teil von dir anfühlt. Kaum teilst du es mit einer Öffentlichkeit, wird es verdreht und verzerrt.

Hattet ihr dann überhaupt ein vollständiges Drehbuch oder habt ihr euch beim Dreh dem sich weiterentwickelenden popkulturellen Diskurs angepasst?

Wir hatten definitiv alles ausgeschrieben, was im Film passiert. Aber damit The Moment funktioniert, mussten die gezeigten und bewusst inszenierten Ereignisse so wirken, als wären sie spontan passiert. Als wäre nichts davon Absicht gewesen. Das war eigentlich die größte Herausforderung. Bei jeder Szene haben wir uns daher sehr viel Zeit für Improvisation genommen – und hatten großes Glück: Zu unserem Cast gehören viele fantastische Leute wie Jamie Demetriou, Kate Berland und Alexander Skarsgård, die sich jeder Situation anpassen können. Das hat sehr viel Spaß gemacht.

Es gibt eine Szene, in der Charli und [der von Skarsgård gespielte] Johannes auf der Bühne stehen und seine Vision für die Show durchgehen. Die Szene stand auch im Drehbuch, aber vor Ort haben die beiden viele Dinge hinzugefügt. Es gibt eine Version dieser Szene, die 45 Minuten gehen könnte – ich musste zwischendurch sogar in einen Raum gehen, weil ich so sehr lachen musste. Es war wahnsinnig komisch. Sie haben sich die absurdesten Dinge an den Kopf geworfen. Einfach brillant.

Wir haben immer mit zwei Kameras gleichzeitig gefilmt und hatten am Ende mehr Material als notwendig, um den Film fertigzustellen. Das spiegelt auch den Arbeitsprozess bei einer echten Dokumentation wider. Man sammelt so viel Material wie möglich, um eine gute Abdeckung zu haben. Dann kann man auswählen, welche Takes man wirklich verwendet, um ein Gefühl für die Situation zu schaffen. Im Schneideraum hätten eine Million verschiedene Versionen dieses Films entstehen können.

Denkst du insgeheim schon über einen Extended Cut nach?

Das ist eine gute Frage. Es gibt auf jeden Fall Szenen, die wir herausgenommen haben, um das Tempo hochzuhalten. Der Film hat diese permanente Vorwärtsbewegung, diese fast angstgetriebene Dynamik – und die wollten wir auf keinen Fall durch zu viel Material schwächen. Aber es gibt definitiv Szenen, die wir gedreht haben, von denen ich hoffe, dass sie die Fans irgendwann zu Gesicht bekommen.

Da wäre zum Beispiel eine sehr schöne Szene mit Isaac Cole Powell, der Lloyd spielt – er ist irgendwo in Dagenham auf einem Date. Es war eine unglaublich lustige Szene. Er ist ein fantastischer Schauspieler und spielt das alles so gut und witzig. Wirklich eine Szene, die ich ins Herz geschlossen habe. Hoffentlich kann ich sie irgendwann teilen. Aber vorerst existiert The Moment in der Fassung, in der wir ihn jetzt ins Kino bringen.

Ich weiß, dass Charli ein großer Filmfan ist und auf Letterboxd fleißig loggt, was sie schaut. Habt ihr beim Dreh über filmische Einflüsse gesprochen? Ich musste oft an Uncut Gems, All That Jazz und natürlich This Is Spinal Tap denken.

Diese Referenzen gehören definitiv zu unserer Welt. Und du hast recht: Charli ist ein unglaublicher Filmnerd. Sie liebt das Kino wirklich. Ich glaube, ein Grund, warum wir als kreative Partner so gut harmonieren, ist, dass wir beide einen riesigen Appetit auf Kultur und Kunst haben. Wir saugen ständig neue Dinge auf. Ich bin das Gegenteil eines Haters. Ich bin wirklich neugierig auf die Welt um uns herum und darauf, was sie über unsere Kultur und uns selbst als Menschen aussagt.

Was filmische Einflüsse angeht: Es gab einige Filme, die The Moment geprägt haben. Black Swan kam zum Beispiel im Schnitt oft zur Sprache. Wir folgen einer ähnlichen Geschichte – eine junge Frau verliert ihr Identitätsgefühl und ihren Verstand. Gleichzeitig steuert sie auf diese riesige Show zu, bei der es um alles geht.

Auf Letterboxd haben manche Leute den Film sogar schon Brat Swan getauft.

Oh mein Gott – das ist das Beste, was ich je gehört habe. Aber es gab noch weitere Einflüsse, etwa aus der britischen Comedy. Da existiert eine Serie namens Nathan Barley, eine Satire auf Magazine aus der Vice-Ära. Sehr britisch. Davon haben Bertie [Brandes], mein Co-Autor, und ich uns definitiv inspirieren lassen.

Ich habe auch das Gefühl, dass der Film in seiner DNA eher europäisch angelegt ist. Da gibt es Filmemacher, die ich sehr bewundere, etwa [Dokumentarfilmer] Adam Curtis. Ich liebe seine Arbeitsweise und sein Denken. Er nimmt Kultur und Medien auf und kuratiert sie in seinen Werken so geschickt, dass wir als Publikum etwas über die Welt erfahren, in der wir leben. Ich hoffe, das ist uns mit The Moment auch gelungen.

Wir hatten das große Glück, dass Adam eine späte Schnittfassung gesehen hat. Ich war unglaublich nervös. Wenn er den Film nicht gemocht hätte, hätte ich nicht gewusst, was ich tun soll. Zum Glück hat er ihn geliebt. Er kam während der Tonmischung sogar nochmal dazu. Ich bin sehr dankbar, dass jemand, der diesen Film so stark beeinflusst hat, auch wirklich etwas von seiner Magie darin gesehen hat.

Eine kreative Entscheidung, die mich sehr fasziniert: Ihr habt Charlis komplette Discografie zur Verfügung und entscheidet euch am Ende für Bitter Sweet Symphony von The Verve – ein Song, der im filmischen Kontext vor allem mit Eiskalte Engel verbunden ist. Wie kam es dazu?

Bitter Sweet Symphony ist einer der großartigsten Songs der Musikgeschichte. Es gibt mehrere Gründe, warum wir ihn verwendet haben. Also lass uns von vorne anfangen. Als Charli und ich das Musikvideo zu 360 gedreht haben, war meine erste Referenz das Musikvideo zu Bitter Sweet Symphony. Der Leadsänger läuft irgendwo entlang und hat diese schreckliche Attitüde. Das haben wir auch mit Charli gemacht.

Ich habe den Song oft gehört, allein schon wegen seiner Stimmung. Mit Sean Price Williams, unserem Kameramann, habe ich viel darüber gesprochen, wie wir dieses ganz besondere Gefühl in The Moment transportieren können. Für mich war das Musikvideo von Bitter Sweet Symphony die Essenz eines Londons, das sich real und cool anfühlt. Und dann war da noch etwas Raues und Rohes, das ich sehr liebe.

Dass wir Bitter Sweet Symphony als finalen Needle Drop verwendet haben – und eben keinen Charli-Track – war eine bewusste Entscheidung. Es fühlte sich an, als würden wir uns am Ende von Brat lösen. Außerdem ist die Geschichte des Songs sehr interessant. Bitter Sweet Symphony enthält tatsächlich ein kleines Sample eines anderen Songs: The Last Time von den Rolling Stones in einer Orchesterversion.

Lange Zeit – ich hoffe, ich sage das korrekt – konnten The Verve daher keine Tantiemen beanspruchen und hatten keine vollständigen Rechte. Erst vor ein paar Jahren haben sie die Rechte an dem Song zurückbekommen. Für mich steckt in Bitter Sweet Symphony die Frage, wem Kunst gehört, wer ein Kunstwerk besitzt und wer davon profitiert. An diesem Punkt kommen wir zu unserem Film. Genau darum geht es in The Moment.

The Moment läuft seit dem 19. Februar 2026 in den deutschen Kinos.

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