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Anne with an E: Nicht gesellschaftsfähig und doch liebenswert

15.09.2020 - 18:00 UhrVor 1 Monat aktualisiert
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Anne with an E
© Netflix
Anne with an E

Ein 11 jähriges Mädchen aus der Klasse 5 hat mir auf dem Schulhof von "Anne with an E" erzählt. Sie hat mir und sonst keinem anderen ihr liebstes vorgestellt und dabei so geschwärmt, dass ich ihr die Freude gemacht habe und mir den Pilotfilm ansah.Mit dem was dann kam, habe ich nicht gerechnet. Ich habe im 90 minütigen Pilotfilm häufig so herzhaft gelacht und mich bringt man nicht einfach so zum Lachen. Es war ein Treffer ins Herz.

Das Waisenhauskind Anne wurde geliefert, aber eigentlich war ein Junge gefordert, der auf dem Bauernhof anpacken sollte. Noch dazu ist sie ein sehr eloquentes Kind.

Da die Geschichte 1890 spielt, kann man davon ausgehen, dass Kinder in dieser Zeit keinen Schonraum besaßen, weder vor Hunger, Not noch Gewalt und Missbrauch. Entweder sie funktionierten wie Erwachsene oder wurden sich selbst überlassen, wenn sie nicht die reichen Sprösinge einer Familie waren, die in ihre Bildung investierte.

Wenn man sich das Verhalten von Anne anschaut, dann wurde sie hier in den Kommentaren schon als "egoistische Göre" bezeichnet. Das ist leider nicht ganz falsch und für einen Menschen ohne psychologisches Wissen einfach frei raus gesagt was er denkt. Wenn man es sachlich beschreibt klingt das so: Sie hat ziemlich viel Redebedarf, stellt sich überall in den Mittelpunkt, kann ihre Impulse nicht kontrollieren, ist manipulativ und theatralisch, ein einziger Schrei nach Aufmerksamkeit. Vor allem hat sie aber ein Nähe-Distanz-Problem, d. h. sie verhält sich zu wildfremden Menschen so vertrauensselig und anhänglich, wie es kein normaler Mensch aus Eigenschutz tun würde. Ein gesundes Misstrauen gegenüber Menschen kann verhindern, dass man in die falschen Fänge gerät.

Woher das Nähe-Distanz-Problem kommt, könnte in der Psychologie besser nicht erforscht sein. Es resultiert daraus, dass ein Kind bereits im ersten Lebensjahr keine primäre Bindungsperson, wie z.B. Mutter oder Vater, mit einem feinfühligen und responsiven Verhalten um sich herum hatte. Die Folge ist, dass ein betroffenes Kind Bindungsstörungen entwickelt, die bis zum Verlust des Urvertrauens führen können und die Resilienz ist beschädigt. Da ist es auch kein Wunder, dass diese Erfahrung in einer Rückblende gezeigt wird, nämlich dass ihre Mutter sie loswerden will und sie im Waisenhaus abgibt. Solche Bindungsstörungen verursachen Beziehungsunfähigkeit und bedingen Borderline, denn während den einen zuwenig getraut wird, traut man jemand anderem von Anfang soviel, als gäbe es "Seelenverwandtschaft". Die sog. "Seelenverwandschaft" ist ein unrealistisches idealistisches Beziehungsbild, das es in der Realität nicht gibt. Je mehr ein Mensch davon überzeugt ist, desto katastrophaler können Beziehungen verlaufen, auch wenn sie schön begonnen haben. Im Fall von Anne haben wir ihr Nähe-Distanz-Problem eindeutig, als Folge der Bindungsstörung, auch wurde bereits von anderen Kommentatoren konstatiert, dass Anne an "Seelenverwandschaften" glaubt. Über das Urvertrauen kann ich eigentlich noch nichts endgültiges sagen, jedenfalls kämpft sie damit, weil sie ständig pessimistisch ist.

Viele Nichtkundige würden hier sagen, dass ihr Pessimismus ein manipulatives Verhalten ist, um Mitleid zu erzeugen, eine Art "Fishing for Compliments", wie gesagt, ein einziger Schrei nach Aufmerksamkeit und ihr das als negativen Charakterzug übel nehmen. Das Problem ist, dass Anne aufgrund ihrer extremen Bindungsstörung gar nicht anders kann, als sich so zu verhalten, weil es in dieser Welt, unter diesen Bedingungen, mit dieser Strategie ihr Leid vermindert hat.

Ganz klar: Anne ist nicht geistig gesund, aber sie hat poetisch-philosophisches Talent. Ich habe so über das erste Gebet zu Gott gelacht. Es war so tiefsinnig, wahr Geglaubtes des Unsinn entlarvend und steckte voll erfrischender Religionskritik. Ihre Erkenntnisfähigkeit ist etwas ganz besonderes. Sie hat sich auch Wissen und Fähigkeiten angeeignet, obwohl man ihr keine lange Schulzeit zuteil kommen ließ. So kann man trotz fast irreparabler psychischer Schäden - den, sie ist eigentlich eine Systemsprengerin - feststellen, dass sie teilweise ein sog. Löwenzahnkind ist. Löwenzahnkinder schlagen Wurzeln in feindlicher Umgebung, durchsprengen sogar Gestein und Asphalt.

Trotzdem hat Anne einen Schaden erlitten, mit dem sie nicht gesellschaftsfähig ist.
Aber ihre Erkenntnisfähigkeit und ihre poetisch philosophische Ausdrucksweise, stellt unbequeme Fragen im Jahr 1890, die man eher erst seit 30 Jahren ernsthaft stellt, weshalb es eine Wonne ist, ihr beim Argumentieren zuzuhören. Teilweise erinnert sie an Pippi Langstrumpf, denn sie ist eine Querdenkerin und sensitive Beobachterin.

Ich denke aber, dass die Serie nur Sinn macht, wenn Anne geheilt würde bzw. wenn man den gebotenen Abstand zu ihrem Charakter einhält und das genießt was genießbar ist. Ich habe das 11-jährige Mädchen in der Schule gefragt, ob sie weiß, was ein manipulatives Verhalten ist. Ich werde sie sicher noch ein paar mal auf Inhalte ansprechen, denn ich werde die Serie mit Freuden weiterschauen, denn trotz aller echten Dramatik in Begleitung übertrieben lustiger Theatralik ensteht so ein bittersüßes Gefühl, das im Abgang einen Lächeln übrig lässt.

---------Spoiler--------------

Für das Geschwisterpaar auf der Ranch Greengable ist Anne zwar nicht die erhoffte männliche Unterstützung, aber sie besitzen genug Empathie und Verständnis, um zu erkennen, dass Anne geheilt werden kann und ein Rohdiamant ist. Und Anne kann froh sein Menschen gefunden zu haben, die nonkonformistischer nicht sein könnten. In der damaligen Zeit wurden Kinder wie Anne notfalls einfach beiseite geschafft, entweder des Diebstahls bezichtigt oder sexuell missbraucht und irgendwo verbuddelt.

Aber man muss auch sagen, dass Kinder mit den selben psychischen Störungen, für die sie nichts können und die nicht solche Talente haben, nicht mal diese Chance bekommen.


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