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Richard Donner, Captain America und Thor im Snyder-Gewand

Wonder Woman - Review

Gal Gadot, neben Charlize Theron der Inbegriff der heutigen Actionheldin
© Warner Bros, DC
Gal Gadot, neben Charlize Theron der Inbegriff der heutigen Actionheldin

Wonder Woman

oder (Wie man Richard Donners "Superman" gekonnt in die heutige Zeit überträgt und im Snyder-Gewand in das bestehende DCEU eingliedert)

Bis heute hält sich die Mär, DC-Filme dürften nicht lustig sein und Warner Bros habe eine Art Gesetz erlassen, um Humor in den DC-Filmen zu unterbinden. Wer sich die DC-Filme von Nolan und Snyder ansieht, dem dürfte eigentlich ziemlich schnell klar werden, dass jeder dieser Filme von wohldosiertem Humor durchzogen ist. Sicherlich nicht so frequenz und/oder penetrant wie im MCU, aber er ist dort doch vorhanden - von "Suicide Squad" mal ganz zu schweigen!

"Wonder Woman" wird von vielen Kritikern als inoffizieller MCU-Film beschrieben, dem möchte ich gerne widersprechen. Zwar kann man "Wonder Woman" im Vergleich zu MoS und BvS durchaus als leichten und humorvollen Film bezeichnen, der einer Handlung nach Schema F folgt, das macht ihn aber noch lange nicht zu einer poppigen Actionkomödie à la Marvel. Der Humor ergibt sich nicht aus dem Selbstzweck heraus, lustig sein zu wollen, sondern aus Dianas Charakter. Speziell aus ihrer Naivität und Unerfahrenheit in der normalen Welt sowie im Umgang mit dem männlichen Geschlecht. Des Weiteren hält sich der Humor über die Gesamtlaufzeit hinweg angenehm in Grenzen und macht an den richtigen Stellen komplett der Dramatik Platz. Darüberhinaus erinnert "Wonder Woman" mit seiner düsteren Optik, den Sepiafiltern und Slow-Motion-Actionszenen auf visueller und stilistischer Ebene eindeutig an Zack Snyder und lässt einen Vergleich mit Marvel kaum zu.

Ich persönlich musste stattdessen wesentlich öfter an Richard Donners "Superman" denken. Zu Beginn wird Wonder Woman noch als strahlende Heldin mit weißer Weste dargestellt, die am liebsten jedem Menschen zu Hilfe eilen würde. Ein kleines Highlight ist jene Szene, in der Patty Jenkins den ikonischen Superman-Moment umkehrt, in dem er als Clark Kent eine Pistolenkugel abwehrt und somit Lois Lane das Leben rettet. Hier dementsprechend mit Diana in Undercoverkleidung und Steve Trevor. Auch eine klassiche Umziehszene darf nicht fehlen, anstatt allerdings eine Telefonzelle zu nutzen, reißt sich Wonder Woman ihr Kleid auf einem gallopierenden Pferd vom Körper. Zudem werden hier christliche Messias-Smyboliken meiner Einschätzung nach sogar noch häufiger zelebriert als in MoS oder BvS. Erst im Verlauf der Handlung erhält Wonder Woman Ecken und Kanten, erleidet Schmerzen und wird dazu gezwungen, ihr eigenes Weltbild zu hinterfragen.

"Wonder Woman" ist der vierte Eintrag in das DC Cinematic Universe und nach jedem dieser Filme bin ich immer wieder überrascht, wie gut das funktioniert und auf welche Weise dabei ein anderer Weg eingeschlagen wird als im MCU. Das MCU unterteilt sich in mehrere Phasen und jede Phase besteht in der Regel aus mehreren, handlungstechnisch zeitgleich spielenden Solofilmen und einem abschließenden Ensemblefilm. Im DCEU existieren keine Phasen oder besser gesagt: Es existiert nur eine Phase. Die übergreifende Handlung folgt einem linearen roten Faden, auf MoS folgt BvS, auf BvS folgt "Suicide Squad" und auf "Suicide Squad" wird "Justice League" folgen. "Wonder Woman" bricht scheinbar mit diesem Ablauf, aber eben nur scheinbar. Eingebettet in zwei in der DCEU-Gegenwart verankerten Szenen, wird uns Wonder Womans Entstehungsgeschichte als einziger Flashback präsentiert, der ihre Motivation erklärt, warum sie Batman und Superman im Kampf gegen Doomsday unterstützt. Das nenne ich mal einen innovativen CU-Solofilm!

Auch in thematischer Hinsicht unterscheidet sich "Wonder Woman" nicht allzu sehr von den sonstigen DCEU-Filmen. Die griechische Göttermythologie nimmt einen großen Teil der Handlung ein und analog zu den Vorgängern beschäftigt sich Patty Jenkins mit dem Einfluss von Göttern oder göttlichen Wesen auf die Menschheit und hinterfragt zudem deren Existenz und jenen Einfluss auf die Menschen.


oder (Die gelungenere "Captain America"- und "Thor"-Verfilmung)

"Wonder Woman" ist ein fantasylastiger Superheldenfilm im Weltkriegssetting, da lagen/liegen der Vergleich mit oben genannten Werken und der Vorwurf einer billigen Kopie bei Skeptikern und Kritikern natürlich nahe. Zum Teil muss ich ihnen damit auch Recht geben. Die deutschen Soldaten fungieren wie in "Captain America" als gesichtslose Schießbudenfiguren, charakterlich ausgebaut werden nur die Chemikerin Dr. Isabel Maru als weiblicher Armin-Zola-Verschnitt und der wirklich böse Erich Ludendorff. Der erschießt sogar Untergebene, weil sie ihm nicht gehorchen, man ist der böse! Damit enden dann meiner Meinung nach aber schon die negativen Gemeinsamkeiten, in den sonstigen Belangen bewegt sich "Wonder Woman" auf einem qualitativ hochwertigeren Niveau.

Mit Chris Evans und Chris Hemsworth werden Captain America und Thor durch zwei hochsympathische Schauspieler verkörpert, allerdings mussten sie für mich innerhalb des MCUs erst noch nachreifen, um mich vollkommen überzeugen zu können. Gal Gadot geht dagegen schon direkt brachial durch die Decke, was eigentlich schon mit ihrem Drei-Minuten-Auftritt in BvS begann. Eine Amazone mit Minirock, Schwert und Schild - ein solcher Realfilm läuft ziemlich schnell Gefahr, in reine Cheesyness abzudriften. Patty Jenkins, Zack Snyder und Gal Gadot gelingt es jedoch, Wonder Woman mit jeder Faser so selbstverständlich und natürlich darzustellen, dass sie sich mühelos in einer Gruppe von britischen Zivilisten, Militärs oder Soldaten bewegen kann, ohne dass man als Zuschauer einen Gedanken an ihr Outfit verschwendet.

Steve Trevor bringt den Vorteil mit sich, dass er nicht nur als Dianas Love Interest funktioniert, sondern zudem über einen eigenständigen Charakter verfügt. Nichtsdestotrotz liegt der Fokus natürlich mehr auf der Beziehung zwischen den beiden, ihr Verhältnis wird dabei von Jenkins sehr behutsam und organisch auf- und ausgebaut, sodass die Liebe gegen Ende nicht nur eine Behauptung bleibt, sondern sich ebenfalls auf den Zuschauer auswirkt. Gal Gadot und Chris Pine harmonieren perfekt miteinander, dagegen wirkte Natalie Portman als Jane Foster in "Thor" immer etwas Fehl am Platz und von Hayley Atwell als Peggy Carter blieb bei mir nur sehr wenig hängen.

Gleiches gilt für die Hauptschurken und die Darstellung des Krieges. Loki lebt primär von Tom Hiddelstons großartiger Performance und Red Skull verbleibt trotz Hugo Weaving auf dem Niveau eines vergessenswerten 08/15-Schurken. Ganz anders im Kontrast dazu Ares, dessen Schauspieler ich aus Spoilergründen nicht verraten möchte! Allein diese Entscheidung zeichnet den Film schon aus, denn bis zur Offenbarung weiß man nicht genau, mit wem man es hier genau zu tun hat. Wie oben erwähnt, beschäftigt sich "Wonder Woman" wie seine Vorgänger ebenfalls mit der Beziehung zwischen Göttern bzw. göttlichen Wesen und der Menschheit. Existieren diese (griechischen) Götter wirklich oder sind es nur Märchengeschichten, die man sich selbst und den Kindern erzählt, um die Welt und die eigene Existenz zu erklären. Falls die Götter wirklich existieren, welchen Einfluss haben sie auf die Menschen? Einen reellen, einen imaginären oder gar keinen? Sind die Menschen Herr ihres eigenen Schicksals? Falls ja, zerfleischen sie sich im Krieg selbst; ein ewiger Kreislauf, der hier im Ersten Weltkrieg zunächst seinen schrecklichen Höhepunkt findet. Im Gegensatz zu "Captain America" unterteilt "Wonder Woman" nicht in Gut und Böse, sondern in Opfer und Täter des Krieges. Hat die Menschheit, die zu solchen Gräueltaten fähig ist, das Recht auf das Leben verwirkt oder ist da doch noch etwas mehr? Das sind Fragen, mit denen nicht nur Diana und Steve Trevor konfrontiert werden, sondern auch der Zuschauer selbst. Dieser Konflikt mündet letztendlich in einem dramatischen und gewaltigen Showdown, der mich tatsächlich zum Weinen brachte! Ganz großes Kino!

Abseits des Schauspielerischen und Inhaltlichen trumpht "Wonder Woman" ebenso durch die technischen und musikalischen Aspekte auf. Als Fantasyfilm konnte mich "Thor" nur selten überzeugen, was primär daran liegt, dass die Welt (Asgard, etc) zu sauber und künstlich aussieht. Eben wie am Computer geschaffen, es fehlt das Organische, weswegen ich als Zuschauer kaum Zugang dazu fand. "Wonder Woman" erschafft dieses Organische mit Hilfe von beeindruckenden (Natur)Kulissen, authentischen Kostümen und hervorragenden CGI-Effekten. Bezüglich der Actioninszenierung hat sich Jenkins mehr als nur eine Scheibe von Snyder abgeschnitten, dementsprechend hochwertig fallen auch die Choreographien aus. Wenn sich Wonder Woman mit Schwert, Schild oder Fäusten durch Reihen von deutschen Soldaten kämpft, sieht Captain America im Vergleich ganz schön alt aus. Der Soundtrack aus der Feder Rupert Gregson-Williams steht der visuellen Klasse in nichts nach und vereint erhabene Heldenklänge mit brachialem Actiongetöse (das Wonder-Woman-Thema <3) sowie gefühlvollen Melodien für die dramatischen Momente. Aus musikalischer Sicht bildet "Wonder Woman" den quantitativen Höhepunkt des bisherigen DCEUs, den qualitativen Höhepunkt bildet weiterhin das Superman-Thema aus "Man of Steel".


oder (Ein feministischer Superheldenfilm)

Was nicht bedeuten soll, dass die Frau hier eine Sonderbehandlung erhält, sondern dass sie dem Mann gleichgestellt wird, indem einfach die Rollen vertauscht werden. So darf Diana als Wonder Woman die gleichen Helden-, Action- und Liebesgeschichten erleben wie ihre zahlreichen männlichen Kollegen in den DC- und Marvelfilmen zuvor. Dies wird von Jenkins auf sehr subtile und natürliche Weise eingebaut, weshalb es den meisten Zuschauern wahrscheinlich gar nicht oder nur unbewusst auffällt.


Fazit:
War ich zu Beginn der Produktion und nach BvS noch sehr begeistert von den "Wonder Woman"-Plänen, setzte im weiteren Verlauf schließlich Skepsis ein. Die Trailer erinnerten mich zu sehr an "Captain America" und ich konnte das Setting - eine Fantasygestalt mit Schwert und Schild im Weltkrieg - nicht wirklich ernst nehmen. Erschwerend kam hinzu, dass sich Warner Bros nach mit Enttäuschungen rundum BvS und "Suicide Squad" zu einer Richtungsänderung entschied und humorvollere DC-Filme drehen wollte. Die zahlreichen positiven Kritiken gaben mir wieder Hoffnung, aufgrund mancher negativer bis mittelmäßiger Kritiken bleib meine Skepsis jedoch bestehen. Wie ihr hier lesen könnt, haben sich meine Befürchtungen nicht bestätigt, mir hat "Wonder Woman" sehr gefallen. Das DCEU umfasst bisher vier Filme und keiner davon hat mich enttäuscht, jetzt bin ich mir fast sicher, dass mir auch die kommenden Beiträge zusagen werden. Im Fall der kommenden "Justice League" wurmen mich ja immer noch die zwanghaft auf lustig getrimmten Trailer. Nächstes Jahr dann "Aquaman", yeah!

DC(EU)-Fanbewertung: 8/10 Punkten.
Normale Bewertung: 6-7/10 Punkten.


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