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Der alltägliche Tod von Hannah Baker

Tote Mädchen Lügen nicht

13 Reasons Why
© Netflix
13 Reasons Why

Im Folgenden soll es um die neu erschienene Netflix Serie Tote Mädchen lügen nicht von Tom McCarthy gehen, die aus der gleichnamigen Literatur von Jay Asher entstand. In den Hauptrollen Katherine Langford als Hannah Baker, eines Opfers von sozialem und virtuellen Mobbings und Dylan Minnette als Clay Jensen, der sich auf die Suche nach der bitteren Wahrheit hinter Hannah’s Tod begibt und dabei auf’s grausamste enttäuscht wird.


„Nach der ersten Hälfte war ich mir plötzlich nicht mehr so sicher, ob ich etwas über mich schreiben sollte. Trotzdem komme ich nicht drum herum, denn meine Vergangenheit holte mich während der Serie ein und ich verspürte den Drang etwas davon in diesen Text einzubauen. Nun, also...“

Ich bin Clay. Ich erinnere mich noch an vieles, was in meiner Schulzeit passiert ist. Die Gerüchte, das Reden, der Hass, der ständige Machtkampf, die sozialen Netzwerke, die an so vielerlei Tragödie ihren Anteil hatten, die Streitgespräche, wenn man mal wieder etwas gehört hat und es weiter erzählte, der Kummer, wenn man plötzlich nicht mehr über andere redete, sondern alle über einen selbst redeten.

Ich bin wie Clay,

weil ich mich an vielen Gerüchten, vielen Ungerechtigkeiten, vielen Unwahrheiten, die mir selbst sehr klar waren, nicht beteiligte. Ich verbreitete sie nicht, kümmerte mich aber auch nicht weiter darum. Ich war jung, dachte nicht viel nach und war nur froh, wenn man mal nicht über mich, sondern jemand anderen geredet hat. Gewissermaßen war es immer schön, wenn man über andere gelacht und geredet hat, statt über mich. Ich war immer dieser ruhige, nachdenkliche, stille Schüler, der sich aus den Meinungen anderer nicht viel gemacht hat. Es war mir immer ziemlich egal. Mir reichten die paar Leute, die ich hatte und die wussten, dass sie mich haben. Auch wenn ich immer mehr gab, als ich je zurückbekommen sollte.

Weil ich andere Menschen verletzt habe, weil ich die Unwahrheiten nicht gerade gerückt habe, die verbreitet wurden. Weil ich zusah, beobachtete und nichts unternahm. Dazu möchte ich gerne selbst etwas sagen, bevor jemand über mich urteilt, wie man es vielleicht bei den Personen dieser Serie machen könnte….sogar gewillt ist zu tun..

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Nein, ich bin nicht wie die anderen. Ich bin anders.

Vielleicht einzigartig,

vielleicht dumm,


aber unscheinbar,

unsichtbar.

Und manchmal genieße ich das. Die meisten nehmen mich nicht wahr. Ich schleiche an ihnen allen vorbei, gebe mich nicht zu erkennen und suche wie jeder von uns nach ein wenig Aufmerksamkeit, in dem, was ich tue. Wir achten nicht aufeinander, verletzen, stehlen, lügen und betrügen uns, miteinander und in allen möglichen Varianten. Wir blenden die Probleme und den Kummer anderer aus, verschmelzen uns mit unserer Bequemlichkeit, hassen, verschlingen und wägen Richtig und Falsch nicht genug ab. Ich bin keiner von diesen verdammten Handy-geilen Blagen, die den ganzen Tag auf Whatsapp unterwegs sind, die ihre Probleme nicht mehr mit der realen Welt teilen und folglich mehr Kummer verfallen, als vorher, da der reale Kontakt zu Menschen, Freunden und Eltern immer weiter wegfällt, sich entfernt. Ich bin keiner von denen, die gerne wegsehen, auch wenn ich es trotzdem schon getan habe. Ich bin ein schlechter Mensch, wie jeder Mensch. Ich bin aber auch ein guter Mensch. Voller Sorgen, Zweifel und einem manchmal ungesunden Drang zu Helfen. Ich bin aber auch ruhig, zurückhaltend und darauf angewiesen, dass die Menschen zu mir kommen und nicht umgekehrt. Ich bin keiner von diesen Menschen, die sich der Gruppe allzu gerne anschließen und Menschen verletzen. Ich bin einer von den wenigen jungen Menschen, die sich heute über alles, was sie tun, über alles, was sie denken, wie sie handeln und entscheiden, nachdenken. Einer, der den Sinn dieser Serie nicht nur schätzt, sondern bewundert.

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Wer ist Hannah Baker?

Ich bin Hannah Baker, du bist Hannah Baker, wir alle sind es. Wir alle wurden schon verletzt, sahen keinen Ausweg, wussten nicht mehr, wie es weitergehen sollte und erkannten in nichts mehr einen Sinn. Und der Tod von Hannah Baker ist nach 13 Folgen legithim geworden. So wie der Tod vieler anderer Mädchen in ihrem Alter. Wir sehen Hannah Baker, aber auch viele, gar tausende andere Mädchen da draußen in der Welt. Hier, da, überall. Das Leid kennt keine Staatsgrenze. Der Mut, sich dem gegenüberzustellen, kennt keine Grenze.

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Es fing vermutlich an, als ich in die Grundschule kam. Schon damals konnte man mich nicht sonderlich leiden und ich wurde ab und an ziemlich stark gehänselt. Dass wohl treffendste Erlebnis war wohl jener Tag, an dem mich wiederholt ein junge einen Hurensohn genannt hatte und ich das nicht auf mir sitzen lassen wollte. Bevor ich jedoch etwas dagegen tun konnte, krachte mein Kopf bereits auf den Asphalt. Wir alt waren wir da? Wenn ich schätzen müsste, würde ich sagen, 7,8 Jahre alt. Ein aufrichtiges kleines Kind und ein schlecht erzogenes und runtergekommenes rotzfreches Balg mit seinen 7,8 Jahren, dass bereits Worte drauf hatte, über die ich schon als Kind staunen musste. Heute leider nicht mehr unüblich. Worte wie Arschloch, Hurensohn, Pisser, werden den Kindern heute mit in die Wiege gelegt.

Mir bleibt nach diesem Stoß auf den Asphalt bis Heute eine Narbe auf meiner Stirn. Sie ist nicht besonders groß, fällt nicht großartig auf, wird aber trotzdem mein Leben lang ein Teil von mir sein. Obwohl ich niemanden je etwas getan habe, bekam ich oft den Hass und den Frust anderer ab.

Als ich auf die weiterführende, eine Gesamtschule kam, hatte ich noch ein paar mehr Kilo auf den Rippen, war immer schon relativ klein, was den Genen meiner Eltern zu verdanken ist und war immer eher ruhig. Ich hatte meine Leute. Und jeder, der mich kannte, der kam mit allem zu mir. Der Kummerkasten würde ich sagen. Dass bin ich Zuhause auch. Und ich liebe es. Ich sage nicht, dass ich mich freue, wenn jemand hat, aber innerlich freue ich mich manchmal, wenn jemand mit Problemen zu mir kommt, weil ich ihm dann helfen kann, was mir auf eine wohltuende Art und Weise auch selbst ein wenig Befreiung verschafft.

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Ich war also immer ein hilfsbereiter Mensch, der sich um die Sorgen seiner Mitmenschen gesorgt und gekümmert hat. Vermutlich tat ich und tue ich das, weil ich gerne davon träume, dass mir das gleiche widerfährt. Aber so einfach ist das nun mal nicht. Die meisten Menschen von Heute freuen sich einfach, wenn jemand da ist. Wenn sie Probleme haben und wenn sie Frust abbauen müssen. Wenn sie keine Probleme mehr haben, müssen sie ihren Frust aber nicht mehr abbauen und haben keine Verwendung mehr für dich. Mit den Zeiten ändern sich die Menschen, mit der Zeit änderst du dich selbst und mit der Zeit verändern dich die Menschen.

In den späteren Jahrgängen fiel ich bei einem guten Freund durch meine Andersartigkeit auf. Wir spielten in einer Band und hatten eine Zeit lang großen Spaß. Aber man entzweite sich, er krallte sich meine erste Freundin, mit der ich mein bis heute einziges Glück einer Beziehung gehabt hatte und legte großen Wert darauf mich fertig zu machen. Von dort an musste ich an vielen Tagen auf der anderen Straßenseite der Schule Morgens warten, weil ich wohl sonst nicht unversehrt hineingekommen wäre. Man hänselte, mobbte und entwürdigte mich. Dieser Freund stachelte noch andere an, ihm bei seiner großen Mobbing-Aktion zu Helfen. Lehrer können da heutzutage eh nichts mehr tun. Ich hatte es versucht.

Eines Tages sprangen 20 Leute auf mich drauf, traten auf mich ein, lachten über mich. Einer meiner engsten Freunde stand daneben. Er schaute schockiert zu. Er half nicht. Als sie weg waren, half er mir aufzustehen. Mir gings noch gut. Sie hatten nicht fest genug getreten und geschlagen. In diesem Moment hasste ich diesen Freund, der dabei stand, zusah, nicht half und nur seine eigene Haut retten und bewahren wollte.

Ich hätte wohl dasselbe getan. Und ich verzieh ihm in wenigen Minuten, denn ich hätte nicht gewollt, dass er etwas davon abkriegt oder in diese ganze Aktion integriert wird. Eher hätte ich mich mehr Schlägen unterzogen, um anderen dieses Leid zu ersparen.

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Clay ist ruhig, sieht wie ich meist zu, verurteilt die Menschen, tut nichts, verharrt sich, zweifelt und denkt nach. Man kann schließlich nie ahnen, was die Summe aus monatelangen Kummer anrichten würde. Hannah ist ein aufrichtiges, ein vernünftiges und feinfühliges Mädchen. Für Menschen wie mich, Clay und Hannah ist manchmal kein Platz in dieser Zeit. Die sozialen Netzwerke zwingen uns zur Spionage, stacheln uns an, machen Stalker aus uns und verhindern den normalen Umgang mit Menschen und Gefühlen. Nicht mehr lange und man wird sich nicht mehr persönlich erzählen, was man fühlt, sondern drückt einen Button auf Facebook, auf dem „Traurig“ steht. Oh, das gibt’s ja schon. Die Zukunft sieht also noch weitaus schlimmer aus.

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Clay: Und Sie hätten es stoppen können. Und ich hätte das auch. Und Justin Fowley hätte es gekonnt und mindestens ein Dutzend anderer Leute. Aber wir haben es nicht.



Mr. Porter: Das ist ergreifend… und schmerzvoll. Sich bloß vorzustellen, wie Hanna’s letzte Tage waren. Nachzuvollziehen, was sie zu diesem Punkt getrieben hat. Aber wenn sie beschlossen hat, ihr Leben zu beenden, hätten wir sie nicht aufhalten können.



Clay: Ich kostete Sie ihr Leben, weil ich mich nicht getraut hab, ihr meine Liebe zu schenken.



Mr. Porter: Man kann niemanden zurück ins Leben lieben.



Clay: Aber es versuchen.



Mr. Porter: Clay, wir wissen nicht, was in ihrem Kopf vorging oder ihrem Herzen. Da ist kein Weg zu erfahren, warum sie tat, was sie tat.



Clay: Eigentlich, geht das doch! Bevor sie starb, hat Hanna genau 13 Gründe für ihren Selbstmord aufgezeichnet. Und sie sind Nummer 13.

[…]



Mr. Porter: Woher haben sie die Kassetten?



Clay: Ich bin Nummer 11.

Wir müssen uns bessern. In der Art wie wir miteinander umgehen… und Acht geben aufeinander. Das muss irgendwie besser werden.

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Das Leben in der Schule ist ein anderes, als später. Aber es gleicht sich auch in vielen Facetten. Machtkampf, Hierarchie, Missbrauch. Es gibt immer Konkurrenz, die darauf aus ist, deine Bemühungen zu untergraben, sich gegenseitig nichts zu gönnen und an sich zu denken.

Was hätte ich früher alles besser machen können? Ich war aufrichtig, ehrlich, nett…und doch habe ich auch für Kummer und Trauer gesorgt. Aber nicht, weil ich es wollte, sondern weil ich es anders einfach nicht ertragen hätte. Ich war keiner von diesen großen direkten Jungs, die immer alles sagen konnten und dafür noch bewundert wurden.

Die Botschaft dieser Serie kann also nur sein, dass wir unsere Mitmenschen achten, nicht nur beobachten sollten, Kummer sehen und ertragen müssen, uns anbieten müssen und uns selbst ein besserer Mensch zu sein. Die Mitmenschen und die Opfer, die sie erbringen, schätzen, lieben, ehren.

Wir alle sind Opfer der Zeit, die wir auf der Erde verbringen.

Und Tote Mädchen lügen nicht unterstreicht eben das. Den Wert von Freundschaft, Ehrlichkeit und Mut. Aber auch den Wert aus Dingen zu lernen, es besser zu machen, nicht in Trauer zu verfallen, sondern Wege abseits der Vorstellung und des gewohnten zu finden. Und dabei geht sie detailverliebt, echt, emotional und überzeugend vor. Katherine Langford und Dylan Minnette geben ein mehr als harmonisches, wunderschönes und liebevolles Team ab. Sie spielen ihre Figur mit Herz, Ernsthaftigkeit und viel Gefühl.

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Ich wünschte ich könnte all den Kummer der Welt, all die Tragik, all die sinnlosen Tode, Tränen und Schmerzen einfach verschwinden lassen. Aber das kann ich nicht. Ich nicht, du nicht, meine Freunde nicht, deine Freunde nicht, niemand.

Nur wir alle können es. Alle. Gemeinsam.


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Wenn man ihn in einem kleinen Glas hält bleibt der Goldfisch klein. Hat er mehr Platz, wird der Fisch doppelt, dreimal oder viermal so groß.

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