The Get Down - Warum Baz Luhrmanns Netflix-Serie so großartig ist

The Get Down
© Netflix
The Get Down
moviepilot Team
Beeblebrox Matthias Hopf
folgen
du folgst
entfolgen
Schaut zu viel ins Internet.

Bevor The Get Down im vergangenen Jahr auf Netflix debütierte, machte die Musical-Drama-Serie von Baz Luhrmann vor allem durch Superlative auf sich aufmerksam. Nicht nur befand sich das Projekt bereits seit vielen Jahren in Produktion und wurde in Angesicht des involvierten Regisseurs mit großen Erwartungen verfolgt. Nein, auch darüber hinaus sorgten regelmäßig Schlagzeilen für Aufsehen, insbesondere, wenn das ausufernde Budget und der gewaltige Produktionsaufwand Thema der Berichterstattung waren. Zum ersten Mal in der Geschichte von Netflix schien sich der VoD-Anbieter bei einer Eigenproduktion gehörig verkalkuliert zu haben - nicht zuletzt wurden vorerst lediglich sechs der zwölf geplanten Episoden der 1. Staffel veröffentlicht. Doch dann war es plötzlich still und alle lauten Stimmen verstummten auf unerklärliche Weise.

Kein vernichtendes Desaster, kein großer Untergang - gleichzeitig war über The Get Down aber auch nichts Gegenteiliges zu lesen. Als wäre Baz Luhrmanns gewagte Unternehmung vergessen worden, bevor sie überhaupt ihr Potential entfalten konnte, verschwand The Get Down komplett aus der Bewusstsein der Serienwelt und war am Ende des Jahres nur mit Mühe und Not auf diversen Jahresendlisten zu finden. Dennoch gehört die Serie zu den aufregendsten, die wir in jüngerer Vergangenheit erleben durften. Wenn morgen also die zweite Hälfte der 1. Staffel auf Netflix startet, solltet ihr euch nicht von singenden Menschen und überbordenden Schauwerten abschrecken lassen: The Get Down vereint alle diese Elemente in einem furiosen Showdown, der seit sechs Episoden anhält.

Angesiedelt im New York der 1970er Jahre, erzählt The Get Down in erster Linie von dem jungen Ezekiel Figuero (Justice Smith), der von seinen Freunden einfach Zeke genannt wird und noch nicht so richtig weiß, was er eines Tages mit seinem Leben anfangen will. Er schlendert durch die Bronx und gerät dabei in die unterschiedlichsten Konflikte, die sich geschickt verschiedene Brennpunkte jener Dekade zu eigen machen. Ein Subplot beschäftigt sich etwa mit der Gewalt und Bandenkriminalität, die in den Straßen herrscht, während ein anderer durch die verschiedenen sozialen Milieus streift, um ein möglichst breites Spektrum an Figuren und Schauplätzen zu garantieren. War The Get Down eben noch eine unscheinbare Coming-of-Age-Geschichte, die durch ihre detailverliebte Kulisse punktete, verwandelt sich die Serie binnen weniger Schnitte in ein überwältigendes, diverses Epos, dass mehr Baustellen besitzt, als es verwalten kann.

Am Ende einer jeden Episode gibt es jedoch eine Sache, die so fest im Herzen dieser Serie verankert ist, dass die mitunter chaotische wie ausschweifende Erzählstruktur einer pulsierenden Großstadt-Hymne gleicht: die Musik. Wir befinden uns in einer Ära, in der Jugendliche gleichermaßen Disco und Hip-Hop für sich entdecken. Allerdings nicht bloß zum Zeitvertreib, sondern, weil sie an den gesamten Geist der Bewegung glauben und zunehmend eine Institution daraus formen. Trotz aller Probleme, die im bisherigen Verlauf der Serie zur Sprache kamen, gibt es kaum eines, das sich nicht irgendwie mit Musik illustrieren oder womöglich sogar klären lässt. Als wir Zeke und seine Freunde das letzte Mal sahen, schwankte The Get Down so selbstsicher zwischen The Wire und High School Musical, dass es ein Fest war, diesem magischen Strudel zu folgen zu folgen, stets von den Beats der Songs begleitet, die sich mitunter über mehrere Episoden strecken.

The Get Down verschmilzt mit seiner Materie und trägt eindeutig die Handschrift von Baz Luhrmann, der gemeinsam mit Stephen Adly-Guirgis als Schöpfer fungierte und darüber hinaus einzelne Episoden inszenierte. Gekonnt hat sich Netflix hier einer Marke bemächtigt, die sich durch Werke wie Strictly Ballroom, William Shakespeares Romeo + Julia und Moulin Rouge geformt hat. Doch wo Netflix ansonsten stets überaus präzise die Serien für die ausgewählte Zielgruppe maßschneidert, schlummert in The Get Down eine Bestie, die unmöglich kontrolliert werden kann - aber genau dieses eifrige Rastlosigkeit, die keiner Einheit entspricht, macht den größten Reiz der Serie aus. Baz Luhrmann hat hier eine komplexe Welt geschaffen, die sich narrativ zwar an sehr einfachen Motiven orientiert, in ihrer Ausführung allerdings völlig berauschend ist. Eine musikalische Ebene legt sich über die nächste: Es gibt so unfassbar viel zu entdecken.

Am ehesten lässt sich The Get Down dabei mit Baz Luhrmanns jüngstem Kinowerk vergleichen: Der große Gatsby. Wie in der Verfilmung von F. Scott Fitzgerald lagern sich im New York der 1970er Jahre so viele verschiedene (musikalische) Schichten übereinander, dass es ein wahrer Genuss ist, sich von den unzähligen Eindrücken wegblasen zu lassen. Wo eben noch vertraute Bestandteile populärer Songs gesampelt wurden, erschafft The Get Down im nächsten Moment sein eigenes Verständnis vom Puls der Musik und versprüht dabei so viel Begeisterung, dass es schwerfällt, sich diesem vibrierenden Period Piece zu entziehen. The Get Down ermöglicht es uns, das Gezeigte wirklich zu erleben, aufzusaugen und in die Geschichte einzutauchen. Wer sich darauf einlässt, wird mitgerissen. Wer nicht, verliert sich schnell in einem unübersichtlichen Wust an Farben und Klängen, die elliptisch ineinander übergehen.

Es lohnt sich aber, das Wagnis einzugehen und sich von The Get Down erschlagen zu lassen, denn so eine Serie hat es bisher noch nicht gegeben. Diese ungehobelte, aber durchschlagkräftige Wucht ist umso wertvoller im Zeitalter des Peak TV, wo sich unzählige Produktionen blind auf bereits bewährten Mechanismen verlassen und sich in ihrer kalkulierten Gleichgültigkeit kaum noch voneinander unterschieden. Baz Luhrmann und Stephen Adly-Guirgis haben dagegen zwar sicherlich nicht das effizienteste Serienwerk geschaffen, das im Fall von The Get Down möglich gewesen wäre, dafür aber das explosivste. Es wäre überaus tragisch, dieses unvergleichliche Serienereignis zu verpassen. In Vergessenheit geraten darf es auf keinen Fall, dazu steckt hier viel zu viel entdeckenswerte Schaffenskraft dahinter.

Habt ihr einen Blick in The Get Down gewagt? Wie hat euch die Serie bisher gefallen?

moviepilot Team
Beeblebrox Matthias Hopf
folgen
du folgst
entfolgen
Schaut zu viel ins Internet.

Deine Meinung zum Artikel The Get Down - Warum Baz Luhrmanns Netflix-Serie so großartig ist

89cdbd5f38d244a591f6aefdf4deadb3