The Get Down im Pilot-Check - Wie gut ist Baz Luhrmanns Musikserie?

The Get Down
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"I want what happened in the movie last week to happen this week; otherwise, what's life all about anyway?" (The Purple Rose of Cairo)

Update, 07.04.2017: Unseren Pilot-Check zu The Get Down haben wir bereits anlässlich des Starts der ersten Staffelhälfte im vergangenen Jahr geschrieben. Nun hat Netflix die letzten sechs Episoden der 1. Staffel veröffentlicht.

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"Das hier ist nicht Disneyland, das ist die fucking Bronx" stellt Shaolin Fantastic, fiktiver artistischer Graffiti-Künstler und Gelegenheits-Dealer klar. Nachdem Baz Luhrmann sich zuletzt dem glamourösen Manhattan in den 1920ern widmete, geht es es mit The Get Down in einen anderen Teil New Yorks: die verarmte, von Gewalt geprägte South Bronx im Jahr 1977, in der es nicht nur in der lebendigen Musikszene brodelt. Das Ende der schillernden Disco-Ära ist greifbar nah und in den Hinterhöfen entsteht ein neues, damals noch namenloses Kunst- und Musikphänomen: Hip-Hop. Dazu montiert Luhrmann Archivaufnahmen, fiktive Figuren, Hip-Hop-Legenden, Original-Soundtrack und neu aufgelegte Klassiker zu einer rasanten, herrlich überladenen, bunten, großartigen Mischung.

Die Wurzeln und Anfänge eines ganzen Musikgenres möchte Luhrmann in der neuen Musikserie The Get Down, seiner ersten Serie, die er als Regisseur und Schöpfer realisiert, Revue passieren lassen. Für dieses ambitionierte Unterfangen stellte der Regisseur ein hochkarätiges Team zusammen, um sein Herzensprojekt, an dem er seit mehr als einem Jahrzehnt feilte, zu verwirklichen. Als ausführenden Produzenten verpflichtete Luhrmann Rapper Nas, als Ko-Produzenten DJ-Pionier Grandmaster Flash, der selbst eine nicht unwesentliche Rolle in der Serie spielt. Dazu holte Luhrmann sich weitere kreative Berater aus den Bereichen Hip-Hop, Graffiti und Tanz ins Boot. Kurtis Blow, DJ Kool Herc, Rahiem von den Furious Five, CRASH & DAZE oder Jose Xtravaganza sind da nur einige Namen. Stephen Adly-Guirgis steuerte das Drehbuch bei, Luhrmanns Ehefrau Catherine Martin wirkt wie gewohnt als Kostümbildnerin und Produktions-Designerin mit.

1977 gipfelt der Hype um die Disco-Ära mit Stars wie Donna Summer oder Thelma Houston in dem Spielfilm Nur Samstag Nacht mit John Travolta, drei Jahre sollte es noch dauern, bis die Sugarhill Gang mit dem Song Rapper's Delight die Welt mit Hip-Hop bekannt machte. Für den verträumten Teenager Ezekiel (Justice Smith) und seine Freunde Dizzee (Rapper-Sohn Jaden Smith) und Ra-Ra (Skylan Brooks) fangen die Ferien an, und nun gilt es, einen langen Sommer in den dreckigen Straßen der Bronx totzuschlagen. Noch ahnt der clevere Ezekiel nicht, dass sein dichterisches Talent im Rap zum Ausdruck kommen wird. Seine Ambitionen gelten zunächst der begabten Sängerin und Pastorentochter Mylene (Herizen F. Guardiola), in die er sich verliebt hat. Die erteilt ihm aber zugunsten ihres Traumes eine Abfuhr. Sie will die nächste große Disco-Diva werden, während sie sich nachts in den Tanzschuppen Les Inferno schleicht. The Get Down ist nicht nur eine Coming-of-Age-Geschichte eines musikalischen Genres, sondern einer ganzen Truppe junger Bronx-Bewohner, die große Ziele verfolgen.

The Get Down ist mit 120 Millionen US-Dollar bisher die kostspieligste Produktion aus dem Hause Netflix. Der Pilot der Musikserie hat kinogerechte 90 Minuten Länge, aber auch die Qualität ist absolut kinotauglich. Baz Luhrmann inszenierte die erste Episode persönlich und trägt seine Handschrift deutlich erkennbar und dick auf. Aufwendige, verspielte Kostüme und Frisuren, ein Produktions-Design, das sich bis ins kleinste Detail ganz seiner Epoche verschreibt und streng durchchoreografierte Tanzeinlagen, wie wir sie aus seinen Spielfilmen Der große Gatsby, Moulin Rouge, oder William Shakespeares Romeo + Julia kennen, machen auch aus seiner ersten Serie ein Period Piece mit schicken Schauwerten. In den Diskotheken werden die gängigen Tänze aufs Parkett gelegt, in den Hinterhöfen drehen sich die Breakdancer. Selbstverständlich stimmt der Soundtrack dazu.

Etwas dezenter hätte allerdings der schmierige Bösewicht und selbsternannte Disco-Prinz Cadillac (Yahya Abdul-Mateen II), Sohn der Drogen-Baronin Big Annie (Lillias White), ausfallen dürfen. Der passionierte Tänzer und Gangsterboss muss sogar ein paar rhythmische Moves hinlegen, bevor er Widersacher mit einem Schuss umlegt. Er kontrolliert nicht nur die die Tanzfläche des Les Infernos sondern auch kriminelle Machenschaften in seinem Kiez. Gleiches gilt für die brandschatzende Jugend- bzw. Kinder-Bande Savage Warlords, die aussehen, als hätten Peter Pans verlorene Jungs eine Heimat in der postapokalyptischen Welt von Turbo Kid gefunden.

Richtig Fahrt nimmt die Handlung von The Get Down auf, als Ezekiel und seine Freunde hinter das Geheimnis ihres favorisierten Graffiti-Sprayers kommen. Hinter dem mysteriösen Künstler, der seine bunten Spuren in den tristen Ruinen des Ghettos hinterlässt, verbirgt sich der angehende DJ Shaolin Fantastic (Shameik Moore, bekannt aus dem Sundance-Hit Dope), der auf den Straßen der Bronx in Armut aufwuchs und sein zukünftiges Handwerk an den Plattenteller von seinem Idol Grandmaster Flash persönlich lernen wird. Shaolin macht seine neuen Freunde mit dem großen Meister und einer völlig neuen Lebenskultur bekannt, als er sie auf eine wilde Hinterhof-Party schleppt, die schon beim Zuschauen so viel Spaß macht, dass man sich mitten ins Geschehen wünscht. Dass die beginnende Zusammenarbeit Früchte tragen wird, verrät übrigens schon das Intro. Im Scheinwerferlicht einer gefüllten Konzerthalle rappt der erwachsene Ezekiel über eben jenen Sommer '77, während die Kamera über eine animierte Karte New Yorks fährt und dabei ziemlich stark an die Eröffnungssequenz einer erfolgreichen HBO-Serie denken lässt.

Selbst wenn ihr kein großer Kenner oder Anhänger der Hip-Hop-Kultur seid, solltet ihr euch den 90-minütigen Auftakt zu The Get Down nicht entgehen lassen. Abzüglich der Musik bleibt immer noch ein sehenswertes Period Piece voller popkultureller Referenzen an Comic-Helden, Krieg der Sterne oder Bruce Lee und eine charmante Coming-of-Age-Geschichte um die erste Liebe und Freundschaft auf den rauen Straßen eines verarmten New Yorks im markanten, bunten Stil Luhrmanns übrig. Seit heute, dem 12.08.2016 sind die ersten sechs Episoden von Baz Luhrmanns fulminantem The Get Down auf Netflix abrufbar, die zweite Hälfte der 1. Staffel The Get Down folgt 2017.

Habt ihr nach dem Genuss von The Get Down schon die Plattenspieler aus dem Schrank gekramt oder lässt euch die Musikserie kalt?

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