Snatch - Der Pilot-Check zum Serien-Reboot mit Rupert Grint

Snatch im Pilot-Check
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Update, 23.05.2017: Unseren Pilot-Check zu Snatch haben wir bereits im März diesen Jahres anlässlich der US-Premiere veröffentlicht. Heute startet die Serien-Adaption von Guy Ritchie gleichnamigen Kinofilm auch in Deutschland auf AXN.

Als vor rund einem Jahr bekannt wurde, dass sich der US-amerikanische VoD-Anbieter Crackle eine Serien-Adaption von Guy Ritchies Kultfilm Snatch - Schweine und Diamanten realisieren würde, war im Internet ein übersättigtes Seufzen inklusive Augenrollen zu vernehmen. Zu all den Marken, die momentan in episodischer Form zu neuem Leben erwachen, sollte sich nun ausgerechnet diese kleine Gangster-Geschichte gesellen und zu einer mehrere Staffeln starken Serie aufgebläht werden? Skepsis und Zweifel dürften gerade in Anbetracht kürzlicher Enttäuschungen in diesem Gebiet gerechtfertigt sein. Training Day und Taken waren alles andere als überwältigend. Gleichzeitig existieren immer noch Ausnahmefälle wie Fargo, die aus einem ähnlich populären und eigenwilligen Kultfilm eine unerwartet starke und vor allem bereichernde Serie geschaffen hat. Die Frage ist also: Kann Snatch in diesem Punkt mithalten?

16 Jahre ist es mittlerweile her, dass Guy Ritchies Gangsterkomödie in die Kinos kam. In eine ähnliche Zeit entführt auch der Prolog der Serie: Im London der frühen 2000er Jahre treibt der Kriminelle Vic Hill (Dougray Scott) sein Unwesen und wird auf frischer Tat ertappt. Ein Banküberfall nimmt einen blutigen Verlauf und sorgt am Ende des Tages dafür, dass Blaulichter die nächtlichen Straßen in Aufruhr versetzen und Türen von der Polizei eingetreten werden. Doch Vic blickt seinem Schicksal furchtlos in die Augen - immerhin bleiben ihm kurz vor seiner Verhaftung drei wertvolle Minuten, um seinen Sohn Albie (Luke Pasqualino) auf das vorzubereiten, was ihn eines Tages in dieser grausamen Welt erwartet. Ob er sich daran erinnert, wie er unbedingt das tolle Fahrrad haben wollte, fragt Vic den verschreckten Sohnemann, der sofort die Erinnerung aufsprießen lässt. "There is a way to get it. You just have to take it", lautet der Rat des Erziehungsberechtigten.

Dieser Satz kann stellvertretend für die gesamte Snatch-Serie gelesen werden, die sich ebenfalls einfach der im Film etablierten Dinge bedient, ohne sich dieses Vermächtnis wirklich verdient zu haben. Die von Nicholas Renton inszenierte Pilot-Episode greift dermaßen unreflektiert auf die Stilmittel des Originals zurück, dass es in den ersten Minuten schwer fällt, zwischen liebloser Parodie und unglücklicher Hommage zu unterschieden. Hastig zoomt die Kamera in Londons Untergrund, dreht sich um die eigene Achse und wartet bloß darauf, das Bild im einen Moment unerwartet zu beschleunigen, nur, um sich im nächsten an einer willkürlichen Zeitlupe zu weiden. Snatch, die Serie, soll genauso stylish wie ihr Vorbild sein, versteht sich allerdings ausschließlich darin, die Posen zu imitieren. Wo Vic seinem Sohn noch rät, er solle sich nie erwischen lassen, wirkt Snatch nicht einmal bemüht, die lustlose Kopie zu verstecken, was sehr schnell zu Gleichgültigkeit führt.

Die gesamte Pilot-Episode gleicht einem Trailer, der in Nostalgie schwelgt und uns immer wieder daran erinnern will, wie cool doch der frühe Guy Ritchie war und warum selbst über eine Dekade später die Faszination für hyper-stilisierte Boxkämpfe nicht abgeflacht ist. Doch hier liegt bereits das große Missverständnis vergraben. Niemand will einem dieser hyper-stilisierten Boxkämpfe folgen, wenn er sich wie ein gedehnter Fremdkörper ins Geschehen quetscht wird und dadurch das eigentliche Highlight der Episode in die letzten fünf Minuten verbannt. Snatch - und das will sich die Serie viel zu selten eingestehen - hat im Grunde mit dem Film kaum noch etwas zu tun, außer die Posen eben. Und aus Posen alleine entsteht keine spannende Geschichte, für die es sich lohnt, zehn Episoden lang einzuschalten. Eigentlich schade, denn in Albie und seinem Partner-in-crime, Charlie Cavendish (Rupert Grint), verbirgt sich ein frisches, junges, dynamisches Duo.

Zwei Kleinganoven auf ihrem Weg in die Verdammnis: Was auf den ersten Blick wie eine gut gelaunte Gangster-Komödie wirkt, nimmt schnell eine drastische Wendung, wenn man sich überlegt, dass sie bei allem (Miss-)Erfolg, den sie in der ersten Episoden verzeichnen können, in erster Linie von den Menschen um sie herum ausgenutzt werden. Albie und Charlie glauben naiv und unerfahren, wie sie sind - endlich, einen Fuß in die Tür bekommen zu haben. Sie müssen also erst noch herausfinden, dass sie jeder entweder übers Ohr hauen oder schonungslos für seine eigenen Zwecke ausnutzen will. Es ist überaus tragisch, aber mit Herz und womöglich der einzige Punkt, in dem sich Snatch von Guy Ritchies durch und durch zynischer Männerwelt abheben und eine eigene Vision entwickeln kann. Denn Rupert Grint ist kein Jason Statham und auch kein Brad Pitt - und trotzdem passt er perfekt in diese Welt, die er mit seiner versteckten sowie offensichtlichen Unsicherheit bereichert.

"Stay relevant", lautet eine Aufforderung, die im Lauf der Pilot-Episode ganz deutlich zu vernehmen ist und sich einmal mehr nicht bloß auf die Handlung, sondern ebenso auf Snatch als Serie bezieht. Diese muss vielleicht einfach nur herausfinden, wie das Grundgerüst eines Kultfilms, der offenkundig in seiner Zeit gefangen ist, ordentlich geupdated werden kann. Nur so wird es Snatch möglich sein, in Zukunft auf eigenen Beinen stehen, anstatt ständig zurück auf das Vergangene zu schielen und die nächste Zeitlupenaufnahme von Fäusten, die im Scheinwerferlicht auf nackte Oberkörper treffen, im verworrenen Schnitt aufpoppen zu lassen. "I haven't even started to live my dreams yet, mate." Hoffentlich bezieht sich auch dieser Satz aus dem Mund von Femme fatale Lotti Mott (Phoebe Dynevor) auf die Serie und steht am Ende nicht nur als leeres Versprechen im Raum. Dann könnte Rupert Grint endlich die Schweine und Diamanten jagen.

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