Als Kind der 90er Jahre wurde ich früh durch generische RomComs traumatisiert und vermeide das Genre meist, so gut es geht. Aber dann hat mich Nur die halbe Geschichte auf Netflix überzeugt, Liebesfilmen öfter eine Chance zu geben.
Bei Netflix: Darum geht's in Nur die halbe Geschichte
Ellie Chu (Leah Lewis) fühlt sich in der christlich-konservativen Kleinstadt Squahamish als Außenseiterin. Ihre Beziehung zu ihren Mitschüler:innen besteht darin, deren Schulaufsätze zu schreiben, da Ellie ein Talent dafür besitzt, die richtigen Worte zu finden. Ein Talent, das ihr Mitschüler Paul Munsky (Daniel Diemer) sich gerne zunutze machen will.
Paul steht als erfolgreicher Football-Spieler in der sozialen Highschool-Rangfolge weit oben, scheitert aber am Smalltalk. Da er trotzdem seinen Schwarm Aster Flores (Alexxis Lemire) beeindrucken will, engagiert er Ellie gegen großzügige Bezahlung, um ihr Liebesbriefe zu schreiben. Der Plan scheint aufzugehen.
Während Paul und Aster sich annähern, wird die Lage für Ellie turbulent. Auch sie hat Gefühle für Aster, weshalb es ihr zunehmend schwerer fällt, das Kartenhaus aufrechtzuerhalten.
Mit Nur die halbe Geschichte liefert Alice Wu auf Netflix eine frische und empathische Liebesgeschichte
Die Handlung von Nur die halbe Geschichte (im Original übrigens etwas treffender: The Half of it) spielt auf einen alten griechischen Mythos an, demzufolge wir alle auf der Suche nach unserer verlorenen zweiten Hälfte sind. Ein Gefühl, von dem dieser Film erzählen will.
Ellie sucht nach einem Platz in der Welt, an dem sie sich endlich zugehörig fühlt. Paul sucht nach einem Weg, seine Gefühle auszudrücken. Und selbst Aster ist auf der Suche. Die Welt liegt ihr zu Füßen, aber sie realisiert es nicht. Alle Figuren in dem Film hoffen, durch einen anderen Menschen das zu finden, was ihnen fehlt. Das klappt mal mehr, mal weniger gut.
Erfrischend ist, mit wie viel Feingefühl und Humor Regisseurin und Drehbuchautorin Alice Wu (Saving Face) ihren Protagonist:innen begegnet. Nach einem (wohl absichtlich) klischeehaften Ersteindruck erleben wir vielschichtige Charaktere, mit denen wir lachen und leiden, während sie sich mit Identität, Zugehörigkeit und Sinnsuche auseinandersetzen.
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Nur die halbe Geschichte fordert auf verschiedenen Ebenen eure Lachmuskeln heraus
Alice Wus Film hätte das Zeug gehabt, ein todernster Coming-of-Age-Film zu werden. Dass wir stattdessen mit einer klugen, witzigen Verwechslungskomödie beschenkt wurden, lässt sich auf drei Kernelemente zurückführen: Erstens, Dialoge, die geschickt zwischen nachdenklich und humorvoll pendeln.
Zweitens, ein fantastisch aufgelegter Cast – an dieser Stelle sei Daniel Diemers Performance hervorgehoben, dessen Mimik und Gestik als Paul überragend sind. Drittens, Wus Gespür für Situationskomik, die sich gegen Ende des Films geradezu explosionsartig in einem Massenschlagabtausch zwischen den Figuren entlädt.
In Nur die halbe Geschichte bricht das ein oder andere Herz, aber meins wurde hinsichtlich meiner RomCom-Müdigkeit regeneriert. Der Film hatte seine Premiere am 1. Mai 2020 auf Netflix und ist dort im Abo enthalten.