Live-Kino-Event - Was mir Good Bye, Lenin! mit auf den Weg gab

Good Bye, Lenin! mit Katrin Sass und Daniel Brühl
© Warner Bros./X-Verleih
Good Bye, Lenin! mit Katrin Sass und Daniel Brühl
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"Why, Mr. Anderson... Why? Why? Why do you persist?"

Ich bin aufgewachsen in einem Dorf direkt bei Tübingen, einer kleinen Universitätsstadt in Baden-Württemberg. Tübingen liegt mitten im tiefsten Schwaben. Westdeutscher hätte man bei uns wahrscheinlich nicht sein können. Das meine ich in dem Sinne, dass man hier bei uns mit einer ganz besonderen Selbstverständlichkeit an die herrschenden kapitalistischen Verhältnisse glaubt.

Meine erste Begegnung mit Good Bye, Lenin!, dem Kinohit von 2003

Als ich mit 15 oder 16 zum ersten Mal Good Bye, Lenin! sah, stand ich unter dem Einfluss genau dieses Weltbildes. Des Weltbilds und natürlich auch der Marketingkampagne für den Film. Der wurde beworben mit dem Slogan: "Die DDR lebt weiter – auf 79qm". So steht es auch heute noch auf der DVD-Box. Als wäre er ein lustiger Ausflug in eine Welt, in der man glaubte, klobige Klamotten tragen zu müssen, auf sein neues Auto warten wollte und zudem Spreewaldgurken statt Hengstenbergs Kna'x mochte. Die Bilder, die ich aus der Zeit, als der Film für die Kinos beworben wurde, noch in Erinnerung habe, gehen alle in jene Richtung. Im Rahmen des Films nahm ich zum ersten Mal das Schlagwort "Ostalgie" bewusst auf. Mir wurde auf gewisse Weise erst klar, dass es dort "drüben" tatsächlich eine Welt gegeben hatte. Eine kleine, verschrobene Welt, die so anders sein wollte und doch in irgendeiner Form alles das in verwässerter Form versuchte zu erlangen, das der kapitalistische Westen hervorgebracht hatte. Zwei Jahre vorher hatte die Leipziger Band Niemann einen Song namens Im Osten geschrieben, der auf humorvolle Weise die Überlegenheit der Ostdeutschen bejubelte. Es war witzig, weil es in meinen Augen so abwegig war.

Was ich damit sagen will, ist, dass Good Bye, Lenin! erst einmal nur eine kleine Chance hatte, von mir für mehr als eine publikumstaugliche Komödie gehalten zu werden. Eine Art deutscher Kinohit, den jeder gesehen hatte oder sehen musste. Unter dem Einfluss dieser Stimmung sah ich den Film ein paar Monate später zu Hause auf DVD. Zuvorderst war ich damit beschäftigt, zu begreifen, dass es in der DDR Mokka Fix Gold und Spreewaldgurken gegeben hatte. Irgendwo dazwischen aber verstand ich, dass ich etwas mehr als das gesehen hatte. Alex (Daniel Brühl) und die Liebe zu seiner Mutter Christiane (Katrin Sass) waren nicht an mir vorbeigegangen. Die tragische Geschichte, die den Vater Ende der 70er Jahre von der Familie Kerner trennte, blieb mir nicht verborgen. Ich wusste, dass da etwas war, doch ich konnte es zu jener Zeit noch nicht bergen. Ich hatte einen guten Film gesehen. Ich wusste nur noch nicht ganz, warum.

Vor einer Woche sah ich Good Bye, Lenin! ein zweites Mal

Good Bye, Lenin! ist ein anspruchsvoll geschriebener Film, der sich die Mühe macht, seine großen Momente klein zu halten, und sie den Zuschauer entdecken zu lassen. Wir hören Alex mit leichtem Unterton drei verschiedene Phasen in seinem Leben nacherzählen: Das Jahr 1978, in dem sein Vater die Familie verlässt. Die 1980er, in denen sich Mutter Kerner – dem Anschein nach ihres Ehemanns beraubt – sich voll und ganz dem Sozialismus hingibt. Und die Zeit nach ihrer Ohnmacht, in der die Mauer fällt und Deutschland sich auf den Weg zur Wiedervereinigung begibt.

Drei Extremsituationen, die jeweils verschiedene Seiten in Alex zu Tage fördern und durch die er sich den Zuschauern erklärt. Alex und sein Verhältnis zu seiner Familie, seiner Mutter, seiner Heimat sind das bestimmende Thema. Weil seine Mutter geschwächt aus dem Koma erwacht, spielt er ihr das Weiterbestehen der DDR mithilfe seines westdeutschen Freundes Denis (Florian Lukas) vor. Diese Geschichte kann er nach seinen eigenen Vorstellungen und Wünschen erzählen. Er kann seiner Mutter die sozialistische Republik geben, die sie sich einst wünschte, nachdem ihr Mann die Familie verlassen hatte. Alex erfindet somit sein persönliches Narrativ für den Sozialismus. Es ist seine, Art sein Mitgefühl für seine Mutter zu äußern.

Der Schmerz darüber, alleingelassen worden zu sein, ist das Fundament für die Glaubwürdigkeit von Alex' Erzählung. Es erscheint den Zuschauern plausibel, dass Mutter Kerner bereit ist, Alex‘ Version des sozialistischen Deutschland zu glauben. Einst hat sie alles auf diese eine Karte gesetzt. Jetzt erkennt sie keine geschmacklichen Unterschiede zu den westdeutschen Lebensmitteln, die sie nach der Wende aus alten DDR-Gläsern isst. Als Alex ihr mittels selbstproduzierten Fernsehens erklärt, dass die Mauer durch eine große humanitäre Geste Erich Honeckers geöffnet worden sei, um denjenigen eine Heimat zu bieten, die dem Konsumterror endlich entfliehen wollen, da schüttelt seine Mutter voll ungläubiger Gläubigkeit den Kopf. Als wollte sie sagen: Verrückt, diese Welt, in der wir leben. Aber ich habe es mir ja auch irgendwie gedacht.

Wie Erzählungen unsere gemeinsame Wahrnehmung prägen

Wir befinden uns in einer Öffentlichkeit, in der mit Begrifflichkeiten wie "Fake-News", "post-faktisch", "Informationsblase" und "alternative Fakten" um sich geworfen wird. In allen Medien sind diese Platzhalter mittlerweile zu finden. Eingesetzt, um Verständnis zu demonstrieren für Bewegungen, die sich nicht mehr nach altem Muster erklären lassen. Die Kraft der Narrative wird in Good Bye, Lenin! glaubhaft auf der persönlichen Ebene dargestellt. Hier sind sie der Ausdruck von Mitgefühl und Zusammenhalt.

Alex Kerners Narrativ von einer besseren DDR - so wie er sie sich immer vorgestellt hatte - beweist, was seine Mutter zu glauben wünscht. Er legt damit ihren Bedarf nach einer sich ihr endlich erklärenden Realität offen.

Wir wissen heute, was wirklich ablief im Staatsapparat der DDR und was abläuft während Alex' Freizeit im Film. Wir kennen die billigen Tricks und doch sehen wir, wie eine erwachsene Frau sie aufsaugt, sich ihnen hingibt. Ihr Zweifel bringt es zu nichts Weiterem als schwachen Nachfragen, die sie aber schnell wieder verkümmern lässt. Sie hat dieses Weltbild zu ihrem Lebenselixier gemacht. Gemeinsam fühlen wir mit Alex, weil er die Lage seiner Mutter versteht und es so schafft, ihr ein paar beruhigende Tropfen dieses Elixiers zum Abschied zu verabreichen.

Good Bye, Lenin! hat in diesem Jahr besondere Relevanz. Narrative werden für die Öffentlichkeit entworfen. Für die öffentliche Wahrnehmung sind sie in sich stimmige, umfassende Gebilde, die ohne Umschweife konsumiert werden müssen. Ein Angebot, das den Menschen einordnet, was sie sonst erstmal nicht verstehen können. Statt Mitgefühl üben sie allerdings Macht aus. Heutzutage werden sie bei öffentlichen Auftritten benutzt, um einer Gruppe die Unterschiedlichkeit von einer anderen vorzugaukeln. Anstatt Mitgefühl bewirken sie Missgunst und Trennung. Das können sie, weil eine stimmige Erzählung für uns Sinn in einer Welt herstellt, in der wir zunächst keine Gemeinsamkeiten finden können.

Auch Alex stellt während des Films fest, dass abseits des Narrativs, das er für seine Mutter entwirft, die Realität sich entwickelt und etwas Gemeinsames schafft: Während er sich dafür aufopfert, seiner Mutter eine Welt vorzugaukeln, die es nicht gibt, hat seine Schwester Ariane (Maria Simon) mit ihrem ehemals westdeutschen Freund Rainer (Alexander Beyer) ein Kind gezeugt. Ein gesamtdeutsches Baby wächst in ihrem Bauch.

Als ich 2003 das erste Mal Good Bye, Lenin! sah, habe ich an die Geschichte vom siegreichen Westen geglaubt. Ich wollte es, weil ich die komplizierte Geschichte Deutschlands während des Kalten Krieges nicht verstand. Jetzt verstehe ich vielleicht nicht alles, aber ich beginne, ein Mitgefühl für diejenigen zu entwickeln, die von all dem enttäuscht wurden, woran sie geglaubt haben.

Good Bye, Lenin! wird im Rahmen des Live-Kino-Events Cine-Mania an einem geheimen Ort in Berlin-Friedrichshain Unter dem Motto "Solidarität West" vom 1. bis zum 7. Mai 2017 aufgeführt. Nähere Informationen findet ihr hier. Cine-Mania ist ein Projekt von Flimmer. Flimmer und moviepilot.de gehören zur Webedia GmbH.

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