Little Witch Academia und Netflix' fragwürdiger Umgang mit Anime

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Immer größere Teile des Netflix-Angebots werden von dem Konzern selbst produziert, darunter gehören auch einige animierte Programme, die diverse Altersgruppen abdecken. Little Witch Academia von Studio Trigger und Castlevania zählen zu den prominenteren Zugängen des Netflix-Katalogs des vergangenen Monats, und während letztere dort ihre weltweite Premiere feierte, war Little Witch Academia sechs Monate zu spät und unvollständig, denn auch wenn Netflix schon einige westliche Serien selbst produziert hat, beschränkt sich die Beteiligung bei japanischen für gewöhnlich auf die exklusiven Streamingrechte. Das japanische Fernsehen ist davon nicht betroffen und strahlt diese Serien wöchentlich aus, während der Rest der Welt bis zum Sendeschluss und darüber hinaus zu warten hat.

Sechs Monate bis Schulbeginn
Für gewisse Gruppen in Netflix' Nutzerbasis ist das durchaus positiv. Jüngeren Zuschauern, die noch nicht mit dem Thema Anime vertraut sind, oder älteren, die schon wieder aus dem Medium ausgestiegen sind, wird auf Netflix' Startseite eine charmant wirkende Serie in ihrer Wunschsprache präsentiert, die sich als Aneinanderreihung abgeschlossener Abenteuer und ohne sonst abschreckende Tropes hervorragend für Neueinsteiger eignet. Es handelt sich nur um eine hypothetische Vorstellung, aber die Möglichkeit, dass Netflix neue Zielgruppen erschließt, ist vielversprechend. Ein größeres Publikum verringert das Risiko bei ungewöhnlicheren Projekten und verhindert, dass die Industrie sich in einem See aus Vorlagen für Boob-Mousepads und Bodypillows verläuft.

Ungünstig ist nur, dass dabei eine andere Zuschauergruppe vor den Kopf gestoßen wird. Während der theoretische Zuschauer unverhofft von der Serie überrascht wird, warteten Fans von Studio Trigger, die die Entwicklung der Serie seit ihrer Ankündigung verfolgt haben, monatelang, wenigstens ein Datum ihrer Verfügbarkeit zu erfahren. Dieses kam erst Monate nach Beginn der Ausstrahlung und bezog sich lediglich auf die ersten 13 Folgen, obwohl die Serie zum Zeitpunkt ihrer Netflix-Premiere schon fast komplett im japanischen Fernsehen lief.

Das Wachstum moralischer Grauzonen
Natürlich bedeuten exklusive Streaming-Rechte nicht, dass eine Serie auch exklusiv auf Netflix erscheint. Wer zugunsten des eigenen Gewissens auf die offizielle Veröffentlichung in seinen Gefilden wartete, tat dies mit dem Wissen, dass die Serie nur wenige Klicks entfernt war. Wer zudem genug Leuten auf Social Media- und anderen Plattformen folgte, dem wurden durch Screenshots oder Ausschnitte von japanischen Accounts oder weniger gewissenhaften Zuschauern diverse Szenen schon vorweggenommen. Es wird schwerer, die teilweise selbstauferlegte Wartezeit vor sich selbst zu rechtfertigen. Die monatlichen Abokosten werden immer noch bezahlt, und es gibt ja noch die Möglichkeit, die Serie später als Ausgleich noch einmal auf Netflix zu sehen. Viele werden es aber beim einmaligen Anschauen auf russischen Videohosts belassen, und so gehen Netflix sonst eigentlich gesicherte Zuschauer verloren, die im Gesamtbild der Nutzerzahlen zwar nur eine Nische darstellen, dank von ihnen ausgehender Mundpropaganda und einer gewissen Treue aber nicht zu verachten sind.

Hier geraten zwei grundverschiedene Sehgewohnheiten aufeinander. Die meisten Produktionen aus dem Hause Netflix erscheinen erst nach ihrer Fertigstellung, um den Zuschauer am Start des Wochenendes in eine oft mehr als zehn Stunden lange Serie hineinzusaugen und erst kurz vor Wochenende wieder auftauchen zu lassen, sofern er sich nicht im eigenen Tempo durcharbeitet. Aber alle Benutzer weltweit können die Serien zum gleichen Zeitpunkt beginnen und sind nicht mehr wie früher an feste wöchentliche Termine gebunden.

Anime ist dagegen ein wöchentliches Medium geblieben, dessen Flexibilität und Globalität dank aktueller Simulcasts stark zugenommen haben. Dienste wie Crunchyroll oder Anime on Demand haben den Platz von Fansubs als beste Quelle schnell verfügbarer Animes eingenommen und schwächen die Nachteile ab, die bei Nichtjapanern durch Sprachbarrieren und fehlende Verfügbarkeit entstehen. Ein Modell, das dagegen in heutigen Zeiten schlecht designete und mit aufdringlicher Werbung infizierte Streaming-Seiten als die bessere Option erscheinen lässt, gehört wesentlichen Verbesserungen unterzogen.

Der langsame Weg zu eingefleischten Praktiken
Die Situation mit Little Witch Academia war nicht die erste ihrer Art, die Praktiken begannen schon mit Knights of Sidonia, aber aufgrund der bereits etablierten Fanbase war die Benachteiligung besonders schmerzlich. Immerhin sind schon Schritte in die richtige Richtung zu erkennen. Während die Premiere einer ihrer jüngsten Aneignungen, Children of the Whales, lediglich für 2018 versprochen wurde, erfolgte die Ankündigung der Exklusivrechte an Fate/Apocrypha Hand in Hand mit einem Veröffentlichungsdatum im November, wenige Tage nach der Ausstrahlung der ersten Hälfte, und ermöglicht zumindest das nicht unübliche Bingen einer Serie nach dem Ende ihrer Anime-Saison. Viele der Probleme bleiben aber bestehen.

Es werden klare Grenzen zwischen japanischen Nutzern und allen anderen gezogen, die die Serien nur ansehen dürfen, nachdem sie durch die Schablone des eigenen Release-Modells gepresst wurden. Wenn aber Shows wie Better Call Saul oder Riverdale wöchentlich und in zahlreichen Sprachen dort erscheinen können, sollte dies auch für mehr Animationsserien möglich sein, sofern Netflix das nötige Vertrauen in sie zeigt und den angemessenen Aufwand aufbringt. Bei der Problematik des verschiedenen Sehverhaltens würde sich eine stärkere Anpassung an einzelne Nutzer anbieten. Aktive Zuschauer bekommen die wöchentliche Option, während für Nutzer, die das Bingen bevorzugen, nach Abschluss der Serie die Werbetrommeln noch einmal herausgekramt werden.

Vielleicht ist das aktuelle Vorgehen tatsächlich die finanziell bessere Option und sorgt möglicherweise sogar für bessere Zuschauerzahlen der Serien, in dem Fall lassen sich diese Vorwürfe nur schwer aufrechterhalten. Der eventuellen Erweiterung der Zielgruppe steht aber ein sicherer Verlust sonst garantierter Zuschauer an zwielichtige Streaming-Seiten gegenüber, durch den die Lizenzierung von Animes als fehlgeschlagenes Experiment abgetan und eingestellt oder zumindest stark beschränkt werden könnte, noch bevor animierte Eigenproduktionen auf dem Level der hochangesehensten Netflix-Shows überhaupt begonnen haben.

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