The Revenant

Leos tausend Tode auf dem Mitmach-Bierdeckel

For god's sake, just die!
© 20th Century Fox/moviepilot
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Lovely, in a fluffy, moist kind of way.

Jeden Samstag findet ihr an dieser Stelle einen Kommentar, der sich heldenhaft durch die moviepilot-Wildnis und in euer Bewusstsein gekämpft hat, dessen Autorin vielleicht tausend Tode mit einer Filmheldin gestorben ist, vielleicht vor einem Bär von einer Serie gestanden und ihn bezwungen hat oder sich spirituell mit einem der Götter Hollywoods verbunden fühlt. Die Bilder sind etwas übertrieben? Vielleicht. Aber, so oder so, ein Kommentar, der hier steht, hat zwei wichtige Dinge geleistet: Er hat euch zu Recht beeindruckt - und ihr habt ihn vorgeschlagen. Also denkt das nächste Mal dran, wenn ihr einen tollen Kommentar auf moviepilot lest!

Der Kommentar der Woche
pleasant28 hat mitgelitten (wer tat das nicht, bei den Bildern), Leonardo DiCaprios Leistung war beeindruckend (und wurde mit dem lang-verdienten Oscar gewürdigt), und The Revenant - Der Rückkehrer hat ja durchaus seine filmischen Vorzüge, so isses ja nicht. Aber wenn sich zu "verdammt hart" auch noch "verdammt lang" und "verdammt unlogisch" gesellen, steppt der Bär ...

Wo fange ich an, einen Film von zweieinhalb Stunden Länge zu beschreiben, der für nicht weniger als 12 Oscars nominiert ist? Vielleicht fange ich mal damit an, was mir ausgesprochen gut gefallen hat an dieser Survival-das-Leben-ist-hart-Orgie...

The Revenant nimmt den Zuschauer für die zugegenermaßen ganz schön lange (für Bondfans allerdings eigentlich durchschnittliche) Laufzeit mit auf ein Abenteuer durch die atemberaubende Wildheit Nordamerikas. Alles an diesem Film zieht einen förmlich mit in das Setting und zwingt einen geradezu, alles aus (beinahe) erster Hand mitzuerleben. Die Kamera ist, wenn sie nicht gerade die wunderschöne Szenerie in ihrer ganzen Pracht einfängt, ständig mit in Bewegung, wie ein Beobachter oder Gefährte der Hauptperson. Schneeflocken, Atemkondenswasser und Blut bleiben auf der Linse hängen, sodass die sonst so klare und saubere Distanz des Zuschauers immer wieder gebrochen wird.
Dazu kommen viele Oners, angenehm kontinuierliche Beobachter-Kamerafahrten, die uns schnitt- und nahtlos einen Einblick in die Welt geben, die wir uns gerade mit dem Protagonisten teilen.

Darum sehe ich The Revenant mehr als Mitmachabenteuer als als Film, der eine Geschichte erzählt. Es kommt mir mitunter ein bisschen vor wie die 1000-Gefahren-Bücher, die ich als Kind manchmal aus der Bücherei ausgeliehen habe, in denen man immer wieder vor Entscheidungen gestellt wurde, und je nachdem, wo man dann weiterlas und wofür man sich entschied, kam man heil raus - oder man starb einen furchtbaren, gedruckten Tod. Da gab es auch nur eine eher alibihalber erzählte Geschichte, die man erleben konnte, wo es doch eher um die 1000 Gefahren ging. Und so ähnlich fühlt sich die erzählte Story in The Revenant an. Denn die passt, wenn ich mal mehrere Leute aus den Kommentaren zitieren darf, „auf einen Bierdeckel“.
Und das, obwohl die eigentliche Ursprungsgeschichte hier sehr künstlerisch frei zu einem Drehbuch umgearbeitet wurde und vieles eingefügt wurde. Und da liegt vielleicht mein Problem mit diesem Film.

Inarritu wollte mal wieder einen Ausnahmefilm machen. Und das ist ihm zweifellos gelungen, die Drehbedingungen waren außergewöhnlich, die Machart ist, wie oben ausgeführt, extraordinär spannend, und hinzu kommt, den Bedingungen entsprechend, eine extreme Leistung der Darsteller.
Doch vielleicht hätte man sich ganz und gar auf das Abenteuer an sich einlassen sollen. Ich kann damit leben, dass in die ursprüngliche Inspirationsgeschichte sehr viel eingefügt wurde. Sie hat ja schließlich nur Modell gestanden, alles andere ist künstlerische Freiheit, die ich bis zu einem gewissen Punkt auch einräume.
Aber irgendwie bleibt das Gefühl, dass sich Herr Inarritu an der sehr dürftigen Handlung trotz allem festhält und krampfhaft versucht, dem Charakter mehr Tiefe, Hintergrundgeschichte und seinen Handlungen mehr Relevanz zu verleihen. Klar, man könnte es ihm auch vorwerfen, wenn er das nicht getan hätte. Aber gerade dieser Regisseur ist eigentlich wirklich mutig im Experimentieren, also warum nicht wirklich die Handlung und die Motivation Glassens so knapp belassen, wie sie aus der Überlieferung nunmal bekannt ist?
Es hätte dem Film glaube ich recht gutgetan. Denn gerade die Traumsequenzen, Flashbacks und sonstigen Szenen, die die Vergangenheit und indianischen Grundsätze des Protagonisten behandeln, wirken häufig ziemlich künstlich tiefgründig und stören die neuartige Rohheit und Natur- und auch sonstige Gewalt des Films. Hätte man an denen gespart, hätte man Zeit gespart, die den Film etwas unnötig in die Länge zieht, und hätte auch das Faceoff am Schluss nicht so unbefriedigend gemacht. Mir hätte es auch gereicht, wenn der Mann als Kind eines wilden Landes einfach einen außergewöhnlichen Überlebenswillen bewiesen hätte.

An der Stelle schiebe ich mal kurz ein, dass ich trotz aller Schwäche der Handlung und der dürftigen Motive des Hauptcharakters die schauspielerische Leistung DiCaprios würdigen muss. Denn was der für diesen Dreh auf sich genommen hat, ist schon beeindruckend. Auch wenn ich ihm den Oscar für andere Rollen viel mehr gewünscht hätte, sollte er ihn jetzt endlich mal bekommen, bevor er beim nächsten Dreh verunfallt und umkommt und endlich wieder etwas ungefährlichere Rollen spielen kann.
Tom Hardy brilliert als Gegenspieler, dessen Motive im Gegensatz zu denen der Hauptfigur wiederum ziemlich verständlich sind. Ein Kerl, der den Indianern schon einmal in die Hände gefallen ist und weiß, was ihn in diesem undankbaren Land erwartet, und darum alles tut, um da rauszukommen, ist irgendwie schon relativ gut verständlich. Er macht den Endkampf (den es so auch noch nie gab, der aber dramaturgisch nötig und sinnvoll und auch gut war) auch wirklich interessant und noch einmal richtig zum Mitfiebern.
Nichtsdestotrotz hätte die Handlung wirklich minimalistisch bleiben dürfen und am Original dranbleiben – denn in Wahrheit war es wohl so, dass man gar nicht wusste, ob Glass Familie hatte, jedenfalls verfolgte er Bridger und Fitzgerald wirklich nur, weil sie ihn zurückgelassen hatten. Mir hätte das gereicht, das hätte der künstlichen Überdramatik und –emotionalität Abhilfe geschaffen.

Das fasst so ziemlich mein Problem mit Handlung und Machart zusammen – man hätte Mut dazu beweisen sollen, wirklich ein Überlebensabenteuer zu inszenieren, statt einen Überlebenstrip aufgrund einer ziemlich uninspirierten Handlung.

So gesehen hätte ich dem Film ja durchaus 7 Punkte oder mehr geben können. Aber dafür hat es nicht gereicht, weil man nun wirklich kein Biologe sein muss, um sagen zu können, dass Glass ungefähr 9mal hätte sterben müssen, nach dem, was hier erzählt wird.
Soundso oft hätte er schlicht erfrieren müssen – wenn man überleben will, baut man erstmal kein Dach über dem Kopf, sondern ein Bett, denn der kalte Boden kühlt einen extrem schnell aus. Noch effektiver erfrieren kann man in kaltem Wasser, und zwar relativ schnell. Hm, war da nicht was... mit einem Fluss, oder so? Hinzu kommt Dehydration (weil er in der ersten Zeit offensichtlich nicht in der Lage war, irgendetwas zu sich zu nehmen und aufgrund des Blutverlustes, den der Körper kompensieren musste), Blutverlust, Infektion der Wunden (Tetanus olé!), innere Blutungen und Verletzungen durch das Gewicht des Bären und Stürze (Milzriss? Oder doch lieber Torsion und Quetschung anderer Organe?) ...meinetwegen wäre er nicht zwangsläufig verhungert. Der menschliche Körper kommt erstaunlich lange ohne Nahrung aus.
Zudem hätte Glass wesentlich bessere Chancen gehabt, wenn er der, im Aufbruch begriffenen Bärenmutter nicht noch einen Schuss vor den Bug verpasst hätte. Die wollte ihn ja nicht fressen, nur ihre Jungen schützen, ihn also unschädlich machen. Nachdem er still dalag, wäre sie einfach verschwunden, verflixt nochmal. Warum also diese Aktion?? Mit den anfänglichen Wunden wäre er wesentlich besser dran gewesen. Und als erfahrener Trapper hätte er das wissen MÜSSEN. Sein Wissen hat ihm ja sonst auch zu überleben geholfen. Ich bin normalerweise niemand, der auf Realismus herumreitet wie Lucky Luke auf Jolly Jumper. Mein Lieblingsfranchise ist schließlich James Bond, dicht gefolgt von Fluch der Karibik. Aber wenn sich ein Film so breit und in rot leuchtenden Lettern auf die Fahnen schreibt, wie realistisch er doch sei, und wie hautnah der Überlebenskampf dargestellt sei, dann sollte man sich nach den ersten drei oder vier lebensgefährlichen Situationen doch irgendwann einmal zufrieden geben. Wenn der Charakter dreimal hätte sterben sollen und immer noch lebt - fine. Wenn er fünfmal hätte sterben müssen - muss nicht sein. Wenn er mindestens neunmal hätte sterben müssen? Just stop. Nicht nötig. Wieder nur unnötige Laufzeit. Wir nehmen DiCaprio das Gekrauche auch so ab.
So. Schluss. Genug aufgeregt. Ohne Komplikationen hätten wir ja kein Abenteuer gehabt. Und das war ja schließlich wirklich aufregend.

P.S.: Ich hätte gerne als patentierten Untertitelhashtag für diesen Film: „crawling intensifies“

Der Orginalkommentar kämpft sich hier durch die blaugelbe Wildnis.

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