Die Odyssee erschüttert derzeit Leinwände jeder Größe, und während ich beim ersten Kinobesuch noch im Fahrwasser der dichten Erzählung mitgeschleift wurde, verstand ich den gesamten Film und seine überraschende Aktualität erst im zweiten Durchgang vollständig. So weit, so typisch Nolan.
Es war jedoch mein dritter Kinobesuch, der mir die Augen für ein scheinbar kleines Detail öffnete, das die Geschichte in Wahrheit maßgeblich bestimmt: die Rolle der Götter. Sie bilden den Dreh- und Angelpunkt des geerdeten Epos und werden zum Äquivalent des berühmten Kreisels aus Nolans Inception, der eine gesamte Realität definiert.
Achtung, ab hier folgen Spoiler zu Die Odyssee und Inception.
Die Götter sind in Nolans Odyssee das, was der Kreisel für Inception ist
In Homers Vorlage wimmelt es vor zornigen Göttern und Göttinnen, die die Helden als Spielbälle für ihre Blutlust oder Langeweile benutzen und ihre Gunst häufig willkürlich verschenken. Im Film Die Odyssee existieren zwar (geerdete) Fantasy-Elemente wie Zyklopen, Seemonster oder Schweineverwandlungen, aber die Götter glänzen scheinbar mit Abwesenheit. Selbst Zendayas Athene, die Odysseus immer wieder erscheint, erweist sich am Ende als Trugbild, das ihn als halluziniertes schlechtes Gewissen seines Kriegstraumas begleitet hat.
Kein Wunder, dass Christopher Nolan vorab der Frage nach den Göttern auswich und uneindeutig erklärte: "Dies ist eine Welt, in der die Menschen überall und in allem Götter sahen. Der Donner, die Gezeiten, der wehende Wind ... All das sind Zeichen der Göttlichkeit, von der sie umgeben sind." Dass er das mythologische Element weder bestätigt noch leugnet, indem er Klarheit vermeidet, führte meine kreise(l)nden Gedanken unweigerlich zu einem der besten Nolan-Filme zurück: Inception.
In der berühmten letzten Szene von Nolans Sci-Fi-Blockbuster bleibt unklar, ob Leonardo DiCaprios Traum-Eindringling Cobb wirklich erwacht ist. Denn sein "Totem", das Realität und Traum voneinander abgrenzt, ist ein Kreisel, der entweder fällt oder sich ewig weiterdreht. Doch der Film endet genau an dem Punkt, an dem dieser Kreisel stehenbleiben oder fallen müsste. Nolan überlässt dem Publikum selbst die Entscheidung über das Ende.
Dieses quälende und zugleich genüssliche Unwissen hat Die Odyssee mit Inception gemeinsam, wenn wir auf die Götter schauen, die sich am Rande des Glaubens aufhalten. Doch anstatt dass es mich stört, nicht zu wissen, ob der Olymp nun bewohnt ist oder nicht, stelle ich fest: Die angezweifelte Existenz einer höheren Macht trägt enorm viel zum Heldenepos bei.
Sein oder Nichtsein? Das ist die göttliche Odyssee-Frage
Schauen wir uns das "Wirken" der Götter in Nolans Die Odyssee genauer an. Die Namen von Poseidon, Athene, Zeus und Co. fallen ständig in Gesprächen. Die Menschen opfern ihnen Schafe (und Kinder), um ihre Gunst zu erbeten. Zeus' Gesetz der Gastfreundschaft schwebt über allem. Doch der bloße Glaube der Griechen an die unsichtbar bleibenden Wesen beweist nicht ihre Existenz. Umgekehrt beweist das Fehlen aktiv auftretender Götter aber auch nicht, dass nichts Göttliches existiert. Der ewige Religionskonflikt.
Die Frage nach Zufall oder Gotteszeichen stellt Nolan in Die Odyssee immer wieder in den Raum: Tönt der Donner über Ithaka, weil der Bettler an Telemachus' (Tom Holland) Seite ein Gott in Menschengestalt ist? Hat die Schiffscrew recht und die Stürme suchen sie nur heim, weil Odysseus den einäugigen Sohn des Meeresgottes Poseidon verletzt hat? Sterben Odysseus' Männer, weil sie die Kühe des Sonnengotts gegessen haben oder weil der Wind ungünstig steht?
Christopher Nolan nimmt in seinem Film geradezu augenzwinkernd auf Homers Heldengedicht Bezug. Wenn beispielsweise Telemachos im weisen Blick seines Schwertlehrers Mentor (Ryan Hurst) "Athenes Augen" sieht, versteht jeder Odyssee-Lesende den Fingerzeig, dass in der Vorlage die Göttin tatsächlich häufig in Mentors Gestalt auftrat.
Der "erfindungsreiche Odysseus" mit seinen Einfällen zum Trojanischen Pferd und täuschenden Schafsfellen gilt als einer der klügsten Köpfe der griechischen Sagenwelt. Im Zweifelsfall entscheidet er sich immer für die Seite der (ungöttlichen) Logik. Gerade Odysseus' Unglaube bringt das Gleichgewicht letztendlich aber auf fatale Weise ins Wanken.
Odysseus, der Logiker, leitet den Untergang der Götter ein
Odysseus ermahnt seine Männer, nicht ihrem Aberglauben an Poseidons Zorn anheimzufallen, argumentiert aber zugleich, dass Apollos Rinder unangetastet bleiben sollten. Auch wenn er wohl die geerdetste Figur des Films ist, kann er sich Opferritualen und Zukunftsweissagungen nicht ganz entziehen. Er ermahnt seinen Sohn, der überall "Athenes Augen" sieht, die Götter nicht in den Menschen zu suchen, und versteht die "Sprache der Götter" nicht, wenn in seinem Kopf Athene zu ihm spricht.
"Du warst immer ein Mann, der sein Schicksal kontrollieren wollte", erklärt Kalypso Odysseus auf ihrer Insel. Doch seine Heimkehr gelingt erst, als er die Kontrolle aufgibt. Gelenkt von göttlicher Hand? In fast all seinen Filmen, von Tenet über Inception bis zu Interstellar, die durch Zeit, Raum und Geist reisen, liebt Christopher Nolan Geschichten, die die Dualität von Schicksalsglauben oder Selbstbestimmung verhandelten. Ein quälender Gedankenkreisel um das, was unausweichlich ist und worauf wir Einfluss haben.
Odysseus ist ein Vordenker, dem andere folgen. Er mag am Ende ins Exil gehen, um seine gefallenen Männer zu ehren, aber da hat sich die "Krankheit" seiner Gottlosigkeit bereits ausgebreitet. Wobei Nolan hier natürlich keine Lanze für die Religion bricht. Stattdessen setzt der Filmemacher in seiner Odyssee die Götter mit Mitmenschlichkeit gleich. Weil Logik-Avantgardist Odysseus Troja zu Fall bringt, lernen die Belagerer dort von ihm, die Welt in Brand zu setzen.
Die Götter haben als Fragezeichen einen großen Einfluss auf die Odyssee
Am Ende ist die Antwort auf die Frage, ob die Götter in Nolans Odyssee existieren, unwichtig. Stattdessen zählt der Effekt, den die Abkehr von ihnen hat: Der Verlust der Götter wird zum ultimativen Kontrollverlust, weil ohne die Angst vor göttlicher Vergeltung niemand den schrecklichen Taten der Menschen mehr im Weg steht. Ohne den Glauben an Zeus wird Zeus' Gesetz mit Füßen getreten. Die gebildete Hochkultur der Bronzezeit verwandelt sich in die schriftlos-barbarischen "Völker der See".
Insofern haben die Götter bei Christopher Nolan auch ohne einen einzigen verifizierbaren Auftritt einen enormen Einfluss auf Die Odyssee: Ohne den Glauben an sie und die damit verknüpften Prinzipien der Nächstenliebe kann der gefallene Held Odysseus nur noch in den Spiegel sehen, um die Verantwortung für die verdorbene Welt bei sich selbst zu suchen. Irgendwann mag die Zivilisation sich wieder erheben. Aber dann beginnt der Kreisel sich nur von Neuem zu drehen ... oder zu fallen.
