Die große Rückkehr von Star Wars im Kino war ... leider etwas unterwältigend. Zumindest für mich. Obwohl ich sehr gespannt war, wie sich die Abenteuer von Din Djarin und Grogu auf der großen Leinwand anfühlen würden, entpuppte sich der Mando-Film als zerfahrene Sidequest, die ihre spannendsten Aspekte unter einer Schicht matschiger Bilder vergraben hat, denen jegliche Tiefe und Atmosphäre fehlten.
Umso begeisterter haben mich die acht Episoden von Star Wars: Visionen präsentiert – Die neunte Jedi zurückgelassen, die sich der von George Lucas geschaffenen Sternensaga aus einer völlig anderen Perspektive annähern. Hervorgegangen ist die Anime-Serie aus der unterschätzten Kurzfilm-Anthologie Star Wars: Visionen, die seit fünf Jahren bei Disney+ das Star Wars-Universum abseits des Kanons erforscht.
Die erste Anime-Serie aus dem Star Wars-Universum
Eine der populärsten Geschichten des Ausnahmeprojekts erzählt von Kara, der Tochter eines Lichtschertschmieds. Zwei Kurzfilme hat sie bisher als Protagonistin angeführt: Die neunte Jedi in Volume 1 und Kind der Hoffnung in Volume 3. Jetzt stehen dem Kreativteam vier Stunden zur Verfügung, um seine Version der weit entfernten Galaxis auszubauen – ein Befreiungsschlag in Zeiten strenger Franchise-Verwaltung.
Zwar spielt auch die neue Serie nach dem Fall des Jedi-Ordens, eine Verortung auf der Timeline gestaltet sich jedoch überaus vage und vertraute Ereignisse aus den anderen Star Wars-Geschichten spielen keine Rolle. Stattdessen folgen wir Kara auf der Suche nach ihrem verschollenen Vater Lah Zhima, während sich ihre von Margrave Juro angeführte Gruppe mit dem furchteinflößenden Kriegsherrn Nawaam anlegt.
Ja, es gibt wieder einen Schurken mit finsterer Maske, der über eine Superwaffe verfügt und einen Planeten nach dem anderen unterjocht. Ein Altmeister und eine junge Heldin, die das Gleichgewicht der Macht wiederherstellen könnte, dürfen natürlich auch nicht fehlen. Je weiter Die neunte Jedi voranschreitet, desto stärker hinterfragt die Serie das wahre Wesen ihrer Figuren und hat dafür einen brillanten Kniff parat.
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Wenn Lichtschwerter plötzlich zu Verrätern werden
Die Lichtschwerter ändern ihre Farbe je nach Gesinnung ihrer Träger:innen. Ein Blick ins verborgene Innere – mehr noch als die vor Zorn flackernde Klinge, mit der sich Kylo Ren durch die Sequel-Trilogie metzelt. Wo eben noch ein grünes Licht war, strömt auf einmal bedrohliches Rot aus dem Griff. Und der Bösewicht der Serie tritt direkt am Ende der ersten Folge unerwartet mit blauem Lichtschwert in Erscheinung.
Jedes Entzünden könnte etwas Verräterisches an sich haben oder ungeahnte Verbündete offenbaren. Ein spannender Twist, der die ikonische Waffe nach fast fünf Dekaden frisch und unverbraucht wirken lässt und an Star Wars: Die letzten Jedi erinnert. Da wechseln zwar nicht die Lichtschwertklingen ihre Farbe, aber es gibt mehrere Momente, in denen das vermeintlich Unumstößliche plötzlich in der Schwebe hängt.
Schon bei der Anthologie stammte (fast) jeder Kurzfilm von einem anderen Studio. Damit wurde Star Wars nicht nur storytechnisch aufgebrochen, sondern vor allem auf visueller Ebene erweitert. Hinter Die neunte Jedi (sowohl Filme als auch Serie) steckt das Studio Production I.G, das sich mit Psycho-Pass, diversen Ghost in the Shell-Serien und dem animierten Kapitel in Kill Bill einen Namen gemacht hat.
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Star Wars als actiongeladener Fantasy-Remix erzählt
Das Star Wars aus dem Hause Hause Production I.G – konkret Drehbuchautor Mitsuyasu Sakai und Regisseur Kenji Kamiyama – kommt in klaren Linien und schlichten Farben daher, kann sich im Bruchteil einer Sekunde aber in einen emotionsgeladenen Sturm verwandeln. Mühelos pendelt die Serie zwischen furioser Action und stillen Charaktermomenten analog zu den sich ständig wandelnden Lichtschwertklingen.
Überhaupt begeistert Die neunte Jedi mit Dynamik und dem Gefühl, dass hier jemand alles, was er irgendwann einmal von Star Wars aufgesaugt hat, aus verschwommenen Erinnerungen kramt und als eleganten Fantasy-Remix entfaltet. Waren die Kurzfilme oft feine Impulse und Gedankenspiele im Kontext des großen Franchise, gestaltet sich Die neunte Jedi als vollständig ausgearbeitete, neu gedachte Star Wars-Geschichte.
Selten hat sich die Saga in den vergangenen Jahren so sehr wie ein Weltraummärchen angefühlt, in dem man verweilen und die eigenen Gedanken an verschiedene Orte streifen lassen kann. Aufregend und unaufgeregt zugleich bringt die Serie neben ihrem eigenen Look auch einen Erzählrhythmus mit, in dem zerrissene Emotionen genauso wie coole Posen ihren Platz haben. Stylish, poetisch, stimmungsvoll.
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In diese Welt kann man deutlich tiefer eintauchen als in die Fanträume, die an den kalten LED-Wänden des Volumes zerschellen, während pflichtbewusst ein enges Star Wars kuratiert wird, das so viel lebendiger, wilder und freier sein könnte. Vermutlich würde eine Enttäuschung wie The Mandalorian and Grogu gar nicht so sehr ins Gewicht fallen, wenn außenrum mehr Projekte wie Die neunte Jedi existieren würden.
Star Wars: Visionen präsentiert – Die neunte Jedi streamt seit dem 5. August 2026 bei Disney+ im Abo. Grundlage für diesen Serien-Check waren alle acht Folgen.
