Das Ende einer Event-Film-Ära

Tom Cruise guckt in den Abgrund
© Universal Pictures International Germany
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Eigentlich war es ein Zufall, dass ich Die Mumie und Wonder Woman nacheinander sah. Zwei riesige Sommer-Blockbuster. Tent-Pole-Filme, wie es im Marketingsprech heißt. Event-Filme, die das jeweilige Programm des Studios so richtig nach vorn bringen sollen. Vor allem ökonomisch. Aber während Wonder Womans Einnahmen ganz ordentlich sind, hat Die Mumie schon am ersten Wochenende in den USA gezeigt, dass sie beträchtliche Probleme haben wird, große Erträge zu erwirtschaften. Dann ist etwas ganz Entscheidendes geschehen: Ich glaube, ich habe des Ende einer Ära gesehen und den Anfang einer neuen.

Parallel lesen: Der Anfang einer neuen Event-Film-Ära

Ganz unabhängig davon, wie ich Die Mumie als Film finde, ist dieser Film das wohl allerbeste, weil offensichtlichste Symptom für die Krankheit, an der große Event-Filme schon seit Jahren leiden und mit unter auch den frühen Box-Office-Tod sterben. Das Tom Cruise-Vehikel vereint alle Mechanismen, die diese Art von Kino zwar groß, aber auch aufgeblasen und inzwischen fast obsolet gemacht hat. Hier sind die Zutaten:

Eine Tasse Remake

Wer hat sie nicht gesehen, die selbstironischen, leicht trashigen Mumie-Filme (Die Mumie & Die Mumie kehrt zurück) mit Brendan Fraser und Rachel Weisz als eine Reminiszenz auf Abbott und Costello? Um die Jahrtausendwende waren sie das, was Indiana Jones einst war. Sie waren der Inbegriff von Spaß, Abenteuer und ein wenig historischem Gedöns aus dem alten Ägypten bei dem sich König Tutanchamun wohl am liebsten im Sarkopharg umdrehen würde. Was also tun mit einer kleinen Filmreihe, die super funktioniert hat? Natürlich ein Remake machen! So wie in den letzten Jahren absolut alles recycled wird, denn Hollywood, das ist den meisten von uns inzwischen klar, hat kein Vertrauen in neue und gewagte Stoffe. Es setzt lieber auf das, was schon einmal funktioniert hat. Es setzt auf Nostalgie. Das funktioniert im ökonomischen Sinne ganz oft. Nur der Kunst als solcher hilft es überhaupt nicht weiter, denn wir drehen uns im Kreis. Doch das reine Remake hat in den letzten Jahren stark an Zugkraft verloren. Deswegen muss Hollywood es, wie bei Die Mumie, koppeln.

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Ein Esslöffel Reboot

Reboot. Das ist sowas wie Omas Brötchenteig nur jetzt mit Quinoa, also so Zeugs, was Oma gar nicht kannte in ihrer Zeit. In den meisten Fällen ist es einfach nur ein schöner Name für ein Remake, dass einfach ein bisschen runderneuert wird. Der gleiche Scheiß nochmal, aber ein bisschen anders. Andere SchauspielerInnen, etwas modernisiert, irgendwas halt, das dem Publikum einen kleinen Frischekick gibt, auch wenn es unter der Oberfläche trotzdem ganz schön ranzig riecht. Jetzt ist Brandan Fraser also Tom Cruise und Rachel Weisz irgendeine Blondine. Das Ganze spielt in der Jetzt-Zeit, nur echt mit ISIS- Soldaten. Aber ansonsten bleibt es eigentlich das same old, same old. Nur schlechter, denn dieses Reboot nimmt sich jetzt ernst. Was soll es auch anderes tun, wenn die Ausgangsfilme total goofy waren?

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Ein, zwei Geschlechterrollen untermischen (je nach Geschmack)

Ich glaube, eines der größten Probleme, welches Event-Filme inzwischen haben, ist ihre Unfähigkeit, ihren weiblichen Figuren zu vertrauen. Gern werden inzwischen mehr Frauen in tragende Rollen eingeführt, am liebsten durch den Reboot/Remake-Trick des Geschlechtertauschs. In Die Mumie ist dies ebenfalls der Fall. Aus dem klassisch männlichen Archäologen à la Indiana Jones wird nun eine Frau, die sich hier allerdings sehr auf den archäologischen Teil beschränken muss. Sie ist so fad, dass ich mir ihren Namen, Jenny (Annabelle Wallis), nur merken kann, wenn ich an Forrest Gumps große Liebe denke. Ihre Flachheit kommt daher, dass der Anteil von Action, coolen Sprüchen und Stunts hier von Tom Cruise' Charakter übernommen wird. In diesem Sinne ist es also eher eine Pseudo-Umkehrung der Rollen. Das weiß auch der Film, der sie am Anfang als Macherin einführt, die Ansagen macht und genau weiß, was sie will, doch diese Eigenschaften von ihr nicht einmal bis zur Hälfte der Erzählung durchhält. Mehr und mehr ist sie dann doch der typisch weibliche Sidekick. Sie darf mal helfen und die Augen verdrehen, sich retten lassen aber ansonsten ist sie passiv, reaktiv und macht wie ihr geheißen. Natürlich muss sie für ein bisschen Romantik herhalten.

Schlimmer ist es aber mit Ahmanet (Sofia Boutella). Im klassischen Monsterverse ist die Mumie männlich, still, finster und absolut mächtig und stark. Sie will die Macht an sich reißen und wird alles dafür tun, ans Ziel zu gelangen. Nach Anck-Su-Namun (Patricia Velasquez) in Die Mumie kehrt zurück ist Ahmanet nun die zweite weibliche Mumie.

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Ja, sie hat unglaubliche Kräfte und eine gewisse Macht, aber letztendlich wird diese immer wieder beschnitten, gebrochen, zersetzt durch Männer, die ihr ein Kreuz durch die Rechnung machen. Vor allem Tom Cruise. Sie ist gebunden an eigenartige Riten, sie braucht zur vollen Machterlangung natürlich einen Mann an ihrer Seite. Ach, hätte das Studio dieser Mumie doch die eiskalte Allmacht gegeben und sie wirklich zu einer würdigen Gegnerin werden lassen. Aber letztendlich ist sie vor allem ein geniales Fetischobjekt, das in einem Hauch von Gewand durch die Wüste schreitet und deren Körper selbst in ihren machtvollen Szenen stets so inszeniert ist, dass ihre Fast-Nacktheit das ist, was die Aufmerksamkeit auf sich zieht. Doch so muss es eben sein, denn dieses Monster (um das es ja eigentlich im Monsterverse gehen soll) ist eben nur Sofia Boutella, eine Frau, deren Namen und Geschlecht nicht herhalten können für eine wichtige Blockbuster-Regel:

Ein männlichen Star

Auch hier zeigt sich das fehlende Vertrauen der Studios. Mindestens eine der Hauptfiguren muss männlich sein und natürlich können das keine Newcomer sein, sondern "Namen" die Leute anziehen. Da vertraut das Studio am besten auf die, die im goldenen Zeitalter des Blockbusters gut funktioniert haben. Dass dieses Zeitalter in den 1980er/90er Jahren war und damit schon ein bisschen lang her, ist egal. Hollywood recycled die Filme und die Stars. So kommt es immer wieder zu dem Punkt, dass ältere Stars, vor allem aus dem Actionbereich, eingekauft werden und neue, junge, moderne Filme und ihr Publikum begeistern sollen. Natürlich liegt die Hoffnung hier auf der meist funktionierenden Nostalgie-Welle, wenn Männer castet werden, die dem Publikum schon als kleine Jungs (und Mädchen) begeistert haben. Das Problem ist nur, dass es inzwischen ein gehöriges Legitimationsproblem gibt, denn an niemandem geht das Alter spurlos vorüber. Aber viele dieser Filme tun so. So sitzt das Publikum im Kino und schaut leicht geriatrische Remakes mit seinen Helden von damals, die sich in den quasi gleichgebliebenen Rollen einen abquälen. Als Russell Crowe Tom Cruise in Die Mumie einmal anspricht und sagt "Sie sind doch noch jung!" hat das ganze Kino gelacht. Zurecht. Dabei ist er noch einer der "Junggebliebenen". Erinnert ihr euch an das "old but not obsolete" Desaster von Terminator 5: Genisys?

Ich sage nicht, dass Cruise hier nicht hätte stattfinden sollen, aber seine Rolle ist einfach nicht angemessen und macht ihn und den Film ein ganzes Stück kleiner. Zumal, ich muss nochmal daran erinnern: Der Film heißt Die Mumie und die Mumie ist Sofia Boutella und das hätte super spannend werden können, hätte die Drehbuchautoren sie in ihrem eigenen Film auch die Hauptrolle spielen lassen. Aber sie wird letztlich zum Sidekick stilisiert und hat, in ihrem eigenen Film, in der zweiten Hälfte nicht mal mehr wirklich Einfluss auf die Handlung, denn all ihre Aktionen etc. laufen parallel.

Ein männliches Publikum

Warum setzen die Studios so sehr auf diese männlichen Action-Stars? Wieso ist die Mumie wieder ein Fetischobjekt? Wieso bekommen wir ISIS-Geballer in Adventurefilmen? Um damit ein Publikum zu locken und glücklich zu machen. Und zwar ein ganz bestimmtes Publikum: Männer. Um genau zu sein Männer, die weiß sind (so wie die Schauspieler und Identifikationsangebote auf der Leinwand) und heterosexuell. Diese sind die Majorität der Kinogänger, für sie werden Filme konzipiert, gecastet und vermarktet. Einem anderen Publikum vertrauen die Studios nicht. Frauen, Nicht-Weiße, Nicht-Heterosexuelle werden maximal als Add-On, aber niemals als legitime Publikum- und damit Einnahmequelle erachtet. Ein riesiger, riesiger Fehler, wie sich gerade bei Wonder Woman so schön zeigt.

Ein unerfahrener Regisseur

Alex Kurtzman ist vor allem Produzent. Als Regisseur hat er eine Folge von Alias - Die Agentin und den Film Zeit zu leben gemacht, der eher gemischte Kritiken erhielt. In keiner Weise hat Kurtzman Erfahrung darin, solch ein riesiges Projekt zu handbaben, noch dazu mit Leuten wie Cruise an Bord. Wie er sich überhaupt qualifiziert hat, den Auftakt eines ganzen "Universe" zu verantworten, ist mir gelinde gesagt ein Rätsel. Was das für Folgen hat, zeigen die Behind the Scenes-Reporte, in denen berichtet wird, dass Kurtzmans Unentschlossenheit und sein fehlendes Wissen von Cruise, na ja, sagen wir "kompensiert" wurden und dieser letztendlich exzessiv in den kreativen Prozess eingriff und zu seinen Gunsten, aber nicht denen des Films, änderte.

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Teig in genügend Sequels rühren und das ganze "Universe" nennen

Universals Dark Universe, wie das Studio ihre klassischen Monster-Filme jetzt für den Reboot umbenannt haben, wird in einer ganzen Reihe von Filmen enden, die alle aufeinander rekurrieren und sich gegenseitig zitieren. Die Mumie ist zwar der Auftakt dieser Reihe, doch schon ab der Hälfte leidet der Film massiv an Sequelitits, also dem quasi Abbruch der eigenen Story und dem Aufbau des Sequels, welches ja irgendwie vorbereitet sein will. Dazu gehört die Rolle des Dr. Jekyll/Mr. Hyde (Russell Crowe), der eingeführt wird, weil er der rote Faden des Dark Universe sein soll, der alle Geschichten zusammenhält. Das Problem ist nur, dass sowohl seine Einführung sehr oberflächlich ist, seine Figur eigentlich gar keine Tiefe hat (dafür aber blau wird, wenn er sich verwandelt) und auch ansonsten den Film eher stört, anstatt ihn voran zu bringen. Ehrlich, die Szenen zwischen Cruise und Crowe waren so lang(atmig) und wenig relevant, dass ich im Kino saß und wiederholt dachte "aber der Film heißt doch Die Mumie?!?!?!". Die Mumie, die saß halt solange im Keller rum.

Auch das Ende des Films geht gänzlich baden, da hier nur noch auf die nächsten potentiellen Teile und das Universe verwiesen wird. Das passiert auf eine pseudo-mysteriöse Art, so dass der Zuschauer weiß, dass da noch was kommt, aber WAS genau wird nicht verraten. Orrr. So nervig. Wirklich. Wenn ich in Die Mumie sitze, möchte ich Die Mumie sehen. Ganz ehrlich, die holprige und langatmige Art, wie hier Sequels angedeutet werden bzw. ein Universe aufgebaut wird, sind wie ganz lange Werbepausen, in denen ein Haufen Leute vom nächsten geilen Produkt sprechen, während ich eigentlich nur den Film gucken will.

All diese Einzelteile sind in sich funktionierende Mechanismen, die Hollywood seit langem anwendet. Aber all diese Mechanismen funktionieren weniger und weniger. Also kombiniert Hollywood sie. Mehr und mehr und mehr. Was dazu führt, dass die Gesamtheit dieser Teile das eigentliche Produkt, den Film, und die Kunst und die Geschichte dahinter immer weiter kannibalisieren, aushöhlen und auffressen. Was bleibt ,sind Filme wie Die Mumie. Ich sag euch: Lange kann das so nicht mehr weitergehen, bis Hollywood einsehen muss, schon aus ökonomischen Gründen, dass das Publikum weit mehr ist, als sie denken und konzipieren und dass es weit klüger ist, als sie annehmen. Dass es die Schnauze voll hat von solchen generischen Filmen, die nur Durchgekautes neu anmalen und wieder zum Verkauf offerieren. Ich glaube, diese Filme werden mehr und mehr scheitern. Sie werden weniger und weniger Einnahmen generieren und riesige Löcher in Jahresbudgets reißen.

Dann muss man auch mal Neues wagen. Dass dies schon geschieht und wie das aussehen kann, könnt ihr hier lesen.

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