Daniel Radcliffe - Der Junge, der im Filmgeschäft überlebte

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"Wenn wir wegen dir draufgehen, bring ich dich um!"

Wir alle kennen Daniel Radcliffe als Zaubererjungen Harry Potter. Über ein Jahrzehnt hinweg konnte ich ihn mir ohne Blitznarbe und runde Brillengläser gar nicht vorstellen. Doch um ehrlich zu sein: Ein großer Daniel Radcliffe-Fan war ich nie. Obwohl ich die Bücher und auch die Verfilmungen der Harry Potter-Reihe heiß und innig liebte, wirkte er für mich in der Rolle als Harry stets wie der Junge von nebenan, der eher zufällig in diese Filme geraten ist. Als 2011 der letzte Harry Potter-Film mit ihm in die Kinos kam, prophezeite ich ihm eine ernüchternde Karriere, die ganz schnell den Bach hinuntergehen würde. Doch die sieben Jahre währende Abstinenz von der Zaubererwelt scheint dem inzwischen 28-Jährigen gut bekommen zu sein. Daniel Radcliffes Karriere ist für mich in dieser Zeit Stück für Stück interessanter geworden. Er zog alle Register, um sein Harry Potter-Image abzustreifen und sicherte sich damit realistische Überlebenschancen im Filmgeschäft. Lest hier mehr über den Wandel von Daniel Radcliffe vom Kinderschauspieler zum eigenständigen Charakterdarsteller.

Kapitel 1: Daniel Radcliffe und Harry Potter

- "Du bist ein Zauberer, Harry."
- "Ich bin was?"

Ähnlich wie der unbescholtene 11-jährige Harry muss sich wohl Daniel Radcliffe selbst gefühlt haben. Seine erste Rolle hatte er in der TV-Mini-Serie David Copperfield und einige Monate darauf stand er für etwas vor der Kamera, das nur wenig später eines der größten Franchises überhaupt werden sollte. Doch meine größte Kritik an der Harry Potter-Reihe galt oft genau ihm. Sein steifes Spiel und fehlendes Charisma ödeten mich an. Ich konnte keine Charakterzeichnung ausmachen und während sich seine Ko-Stars Emma Watson und Rupert Grint (Naja, er war eigentlich schon von Anfang an genial) weiterentwickelten, hatte ich das Gefühl, dass er auf der Stelle trat. Da ich, seit ich denken kann, selbst Theater spiele, liegt mein Augenmerk bei Filmsichtungen in erster Linie auf der schauspielerischen Leistung. Und die war mir bei ihm nie genug. Nach dem Ende von Harry Potter sagte ich ihm eine schnöde Zukunft voraus, in der er bei seinen ersten Gehversuchen in anderen Hollywood-Produktionen kläglich scheitern würde. Letzten Endes würde er seinen Beruf als Schauspieler an den Nagel hängen, so dachte ich. Wie sehr ich mich doch täuschen sollte.

Kapitel 2: Daniel Radcliffes Ausbruchsversuche

Ein wichtiger Schritt für Daniel Radcliffe war wohl seine Rolle in dem Broadway-Stück Equus, in dem er 2008 zu sehen war. In der Show CBS This Morning fragte ihn die Moderatorin erst letztes Jahr, ob er lieber Film- oder Bühnenrollen spiele. Seine Antwort gibt durchaus Aufschlüsse über seine Karriere:

Beim Film bin ich aufgewachsen und ich liebe es, dort zu sein. Aber [...] jedes Mal, wenn ich eine Theaterproduktion gemacht habe, gehe ich daraus als besserer Schauspieler hervor. Ich denke, dass ich jedesmal etwas dazulerne.

Für mich hört sich das so an, als wäre die Bühnenerfahrung für Radcliffe eine Art Initialzündung gewesen. Diese, und die Filmproduktion December Boys, zeigten ihm, dass außerhalb von Harry Potter neue schauspielerische Herausforderungen auf ihn warteten. Also stürzte er sich nach dem letzten Harry Potter-Teil mit Die Frau in Schwarz 2012 ins Horrorgenre. Seine zurückhaltende Darstellung kam gut an, auch wenn oft von einem "Freispielen" die Rede war. Es waren erste Gehversuche eines ehemaligen Kinderdarstellers, die sich nicht weiter ins Gedächtnis brannten. Doch Daniel Radcliffe war hungrig nach neuem Material und unerzählten Geschichten.

So kam er 2012 zu dem Projekt Horns von Regisseur Alexandre Aja. In der aufregenden Genremischung aus Romanze, Komödie und Horrorfilm spielt Radcliffe einen jungen Mann, dem nach dem Tod seiner Freundin Hörner wachsen. Die dämonische Rolle kitzelte endlich das aus Radcliffe heraus, was ich die ganze Zeit über vermisst hatte: Emotionen. Wahnsinn. Mut zur Übersteigerung. Radcliffe zeigte dem Publikum damit, dass er auch ohne Harry Potter in der Filmwelt überleben kann. Ich musste mir eingestehen, dass er wohl doch zu mehr fähig ist, als ich immer vermutet hatte.

Das nächste Projekt, das meine Aufmerksamkeit erregte, war Swiss Army Man. Daniel Radcliffe als Leiche? Muss ich sehen! Der Film ist sicherlich nicht jedermanns Geschmack und etwas eigenwillig in seiner Grundidee. Doch ich habe mich darauf eingelassen und für mich war Swiss Army Man eine herrliche Komödie mit einer Spitzenleistung beider Hauptdarsteller. Für alle, die den Film noch nicht gesehen haben: Ja, Daniel Radcliffe hat in diesem Film Text und das nicht zu knapp. Seine Darstellung ist wahrlich zum Totlachen. So habe ich ihn - oder irgendeinen anderen Schauspieler - noch nie gesehen. Genau hier stellte sich bei mir der Sinneswandel ein. Daniel Radcliffe war für mich auf einmal nicht mehr Harry Potter. Gerade seine ungewöhnliche Rollenwahl rechne ich ihm hoch an. Radcliffes Projekte ecken an, sind fernab des Mainstreams und herrlich abgefahren. Plötzlich befand ich mich in einer ganz merkwürdigen Position: Ich mochte Daniel Radcliffe.

Kapitel 3: Daniel Radcliffe, der Schaupieler

In Imperium aus dem Jahr 2016 spielt Radcliffe einen FBI-Agenten, der sich in einer Undercover-Mission als US-amerikanischer Neonazi tarnen muss. Mit dieser Rolle verdiente sich der gebürtige Brite nun endgültig die Bezeichnung "Schauspieler". Nach seiner rebellischen Freispiel-Phase folgen nun anspruchsvolle Rollen und spannende Projekte, die nicht mehr von Harry Potter überschattet werden. Vom Film und von Radcliffes Darstellung begeistert war beispielsweise Entertainment Weekly: "Radcliffe ist brillant"

Wider meiner Erwartungen also nutzte Daniel Radcliffe seinen Berühmtheitsgrad, um ungewöhnliche Projekte an Land zu ziehen. Durch diese Narrenfreiheit entstanden nicht immer gute, aber durchaus mutige und interessante Projekte. Daniel Radcliffe hat uns Zuschauern gezeigt, dass er mehr kann als mit dem Zauberstab herumzufuchteln und lateinische Wörter zu brüllen. Mit kindlicher Vorfreude erwarte ich deswegen seine kommenden Projekte, wie beispielsweise den Survival-Film Jungle oder das Drama The Modern Ocean. Seine Neugier für die Vielfalt in der Filmwelt hat mir Respekt eingeflößt. Vor ihm als Schauspieler. Anders als andere Kinderstars konnte er sich von den Altlasten befreien und emanzipieren. Er hat es vorgemacht, wie man im Hollywood-Dschungel überleben kann. Er ist tatsächlich der Junge, der überlebte.

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