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Die wahren Gründe, warum ich ohne Ende glotze

Confessions of a Serienjunkie!

Serien zum Zeit totschlagen
© Warner Bros. Television; CBS
Serien zum Zeit totschlagen

Ja, ich gebe es zu. Seit ca. 10-15 Jahren gehöre auch ich zur Spezies der Serienjunkies. Eine Gruppe von Menschen die selbst heute im Jahr 2017 immer noch belächelt und deren Zustand verharmlost wird, denn immerhin leben wir ja in einer Welt die uns vormacht das Konsum und Zeit vor der Glotze so unglaublich toll ist. Mittlerweile sehe ich das etwas anders, auch wenn ich eingestehen muss das die Sucht selbst mich weiterhin voll im Griff hat. Gerade in den letzten 5 Jahren ist mir die Verlockung welche die bunte Medienwelt offenbart aus den Händen geglitten und ich bin mir sicher das es anderen genauso geht. Der Zugang zu Material jeglicher Art ist unendlich dank Streaminganbietern, DVDs und Blu-Rays. Es fängt mit einer Serie an und endet meist darin sich immer wieder auf die Suche nach Nachschub zu begeben um auch weiterhin diesem künstlichen Glücksgefühl nachzujagen das die Medien uns vormachen. Diese Spirale in die man da hinabgleitet ist unendlich. Dabei sollte sich Glück ganz anders definieren als durch den Besitztum gewisser Güter.

Neben der Kaufsucht, gibt es aber noch weitere Faktoren. Ein Serienjunkie wird man nämlich nicht einfach so. Es liegen meist schon genug Probleme zu Grunde die sich durch den vielen Konsum noch verschlimmern. Im Laufe der Zeit verlor ich den Anschluss an die Welt da draußen, also die echte Welt, lebte nur noch in meiner 24h Unterhaltungsblase. Das hat selbst heute noch zur Folge das ich Filmcharaktere sympathischer finde als echte Menschen, ich kann mich mit ihnen stärker identifizieren als mit Nachbar XY oder fühle mich mehr zu ihnen hingezogen als zu Mädels auf der Straße. Von Freunden möchte ich gar nicht sprechen, nach einer gewissen Zeit als Serienjunkie hat man keine Freunde mehr oder ist von Beginn an in diese Richtung abgedriftet, weil man nie welche hatte. Wie traurig das ist muss ich wohl nicht betonen. Ich bin außerdem jemand dem man das nicht mit Onlinefreunden schönreden kann wie viele andere es scheinbar tun. Denn auch diese Leute mit denen man über Jahre online in Kontakt kam sind heute verschwunden. Mir kann daher niemand weismachen das Leute die hier um 3h morgens Filmreviews posten ein tolles und für sie befriedigendes Leben führen. Viel eher sind es einfach nur genauso Serienjunkies wie ich, welche sich total in der Konsumwelt verloren haben.

Weiterhin kommt natürlich auch noch die Sehnsucht nach Liebe/Zuneigung ins Spiel, ganz egal ob man nun Kontakt zum anderen Geschlecht hat oder nicht entwickelt sich diese weiter. Medienkonsum ist dabei vollkommen kontraproduktiv, denn auf dem Bildschrim sieht man halt nur all diese hübschen und begehrenswerten Menschen. Der Blickwinkel mit dem man das andere Geschlecht sieht wird verzerrt. Ich beschreibe es gerne als "versext" das TV hat mich über die Jahre dahin gebracht bei Frauen nur noch die Reize zu sehen und damit bin ich wohl nicht alleine wenn man sich im Netz so umschaut. Der Blick in die Youtube Kommentare wenn man Suchwörte wie Darstellerin + Hot eingibt sind Beweis genug (sowohl die Klickzahlen als auch die Kommentare selbst) wie der Serienjunkie von heute tickt. Es beginnt mit scheinbar harmloser Schwärmerei die sich dann bis hin zu sexuellen Fantasien entwickeln kann je nachdem in welchem Stadium man sich gerade persönlich befindet. Als Bsp. hier ein Video von Emma Watson. Wo in den Kommentaren alles dabei ist und alleine schon die Anzahl der Klicks zeigt über welche Dimensionen wir sprechen.

https://www.youtube.com/watch?v=Vs1fS2mzTj4


Das hat dann unterschwellig auch starken Einfluss auf das Konsumverhalten ganz Allgemein. Wir schauen nämlich nicht einfach so bestimmte Formate, während wir andere links liegen lassen. Der einsame und sich nach Zuneigung sehnende Serienjunkie wie ich schaut dann eben genau die Formate die nochmal auf besondere Art und Weise in dieser Wunde bohren. Wir sind einfach abhänig von gewissen Bildern. Sei es Darstellerin XY oder eine bestimmte Art von Film und das prägt unseren Konsum total. Das wissen die Medien und genau deshalb sind Formate heute eben auch so oberflächlich wie sie sind. Wenn ich mir aktuelle Filme und Serien anschaue bekomme ich das kalte Grauen. Es laufen überall nur noch die heißesten Darsteller rum, aufgestylt und übertrieben in Szene gesetzt bis zum geht nicht mehr. Vorallem auch in Serien die auf eine Zielgruppe von 14-35 zugeschnitten sind sag ich mal. Sex ist dabei allgegenwärtig. Denn Storylines in den meisten Formaten bestehen nur noch daraus wer wann mit wem in die Kiste springt. User die mir trotzdem mit Realismus und Spaß kommen kann ich nur noch belächeln. Die meiste Zeit schauen wir aus ganz anderen Gründen. Entweder aus Voyeurismus oder aus rein sexuellen Motiven. Ein Serienjunkie wie ich ergötzt sich dementsprechend viel mehr an der Optik der Darsteller bzw. der Sex- und Gewaltdarstellung als an der Handlung selbst. Denn wäre dem nicht so würde es diese Formate nicht geben die genau diese Neigung bedienen. Die Sender zeigen nicht umsonst das was sie zeigen, sie machen es weil sie genau wissen das wir abgängig von diesen Bildern geworden sind und voll drauf abfahren. Die Studios drücken bei uns die Knöpfe die es braucht um uns bei der Stange zu halten.

Insgesamt ist es ein Fass ohne Boden und es fällt mir ganz sicher nicht leicht mich hier auf diese Weise zu "outen". Trotzdem denke ich das es mehr Vor- als Nachteile hat, denn so wie es in den letzten Jahren gelaufen ist kann es nicht weitergehen und ich würde mich darüber freuen wenn es mir gelingen würde auch andere User aus dieser Seifenblase aufzuwecken. In dem Wissen wie schwierig es ist dies zu realisieren, geschweige denn dagegen anzusteuern. Das ist alles andere als einfach, denn gerade in der heutigen Zeit kommt man um Medienkonsum jeglicher Art ja nur schwer herum.

Ich würde mich sehr über Feedback freuen, auch wenn ich mir im Klaren darüber bin das die meisten User weiterhin so tun werden als sei bei ihnen alles in Butter und sie hätten die Kontrolle über ihre "Sucht" bzw. wahrscheinlich werden sie erst gar nicht erkennen das sie süchtig nach ganz vielen Bildern, Reizen und Dingen sind.

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