Borat 2 bei Amazon Prime: 96 Minuten auf Twitter sind besser als das

Borat 2: Subsequent Moviefilm - Trailer (English) HD
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Borat 2: Anschluss Moviefilm
25.10.2020 - 08:30 UhrVor 3 Monaten aktualisiert
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Der erste Borat-Film war urkomisch und erschütternd. Teil 2 ist leider kaum erhellender oder absurder als der tägliche Besuch bei sozialen Netzwerken wie Twitter & Co.

Als ich Borat 2006 zum ersten Mal im Kino geschaut habe, hatte ich danach den lustigsten Film aller Zeiten gesehen. Die Mischung aus der schrulligen Hauptfigur, der bitterböse Blick auf ein Amerika voller rassistischer Vorurteile und der abgefahrene Brachialhumor trafen bei mir als 14-Jähriger einen Nerv, mit dem ich nicht allein war.

Borat 2: Anschluss Moviefilm erobert Amazon Prime

Zurecht wurde die anarchische Schöpfung von Komiker Sacha Baron Cohen zum Kultfilm, der selbst beim jüngeren Publikum wochenlang Thema auf den Pausenhöfen war. Die Borat-Imitationen gab es damals auch um mich herum ständig. Umso überraschter war ich vor einigen Wochen, als angekündigt wurde, dass Cohen heimlich ein Sequel zu Borat abgedreht hat.

Ab sofort könnt ihr Borat 2: Anschluss Moviefilm bei Amazon Prime gratis im Abo streamen. Ich habe mir Teil 2 voller Vorfreude angeschaut, aber meine Enttäuschung war dann umso größer. Im Vergleich zur entlarvenden Sprengkraft des Vorgängers ist Borat 2 längst von der Realität überholt worden.

Schaut euch hier den Trailer zur Borat-Fortsetzung an

Borat 2: Anschluss-Moviefilm - Trailer (Deutsche UT) HD
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Borat 2 vernachlässigt die Stärken von Teil 1

Rückblickend funktioniert der erste Borat vor allem als brisantes Zeitdokument sehr gut. 2006 war die Welt nicht ansatzweise so vernetzt wie heute, wodurch sich die ebenso derben wie extrem witzigen Beobachtungen und Entlarvungen der Komödie neu anfühlten.

Natürlich ist zum Beispiel der Rassismus in den USA kein neues Thema. Doch die Art und Weise, wie Sacha Baron Cohen selbst den unscheinbarsten, harmlos wirkenden US-Bürgern rassistische, antisemitische, homophobe oder sexistische Äußerungen entlockte, war 2006 noch ziemlich schockierend.

14 Jahre später ist Cohen in die USA zurückgekehrt und das Land könnte gerade 2020 kaum gespaltener sein. Trotzdem gelingt es Borat 2 nicht, irgendwelche neuen Erkenntnisse auf den Tisch zu bringen.

Stattdessen flüchtet sich der Komiker mit der Unterstützung von sieben (!) Drehbuchautor/innen in eine viel zu durchgescriptete Handlung, die das Sequel über weite Strecken zum absurd überspitzten Spielfilm macht.

Cohen muss stark gegen die Tatsache ankämpfen, dass er als Borat von den Leuten ständig auf der Straße erkannt wird. Seine unterschiedlichen Tarnungen, in die er deshalb schlüpft, kaschieren allerdings kaum, dass der Komiker 2020 längst von der Realität überholt wurde und sich nur auf vertrauten Gag-Mustern ausruht.

Sacha Baron Cohen in einer seiner Borat 2-Verkleidungen

Die freundliche Bäckerin, die einen Kuchen mit einem extrem antisemitischen Satz als Glasur verziert? Alles schon gesehen. Ein Haufen Rednecks, die bei einer rechtsextremen Demo mit viel Freude absurde Textzeilen mitsingen, in denen Journalisten in Stücke gehackt werden sollen? Keine wirklich erschütternden Aufnahmen mehr.

Der tägliche Twitter-Besuch rüttelt mehr auf als Borat 2

Heute reicht es schon, wenn ich 96 Minuten lang durch meine Twitter-Timeline scrolle, anstatt dieselbe Zeit mit Borat 2 zu verbringen. Die Absurdität des aktuellen US-Wahlkampfs hat sich hier über Monate wie ein Unfall in Zeitlupe ausgebreitet. Wie die US-Bevölkerung tickt, kann ich mir in erschreckendem, aber auch differenziertem Ausmaß selbst durchlesen.

Ein unfassbares Ereignis wie der Tod von George Floyd legt auf Twitter durch vielfach kommentiertes Videomaterial den Finger tief in die Wunde eines Amerikas, das sich seit dem ersten Borat-Film wenig überraschend kein Stückchen verbessert hat.

Wie ratlos Borat 2 der Gegenwart gegenübersteht, verdeutlicht ein früher Gag im Film. Da wundert sich der verschrobene Reporter darüber, warum alle Menschen nur noch auf ihre Displays glotzen, bevor er sich selbst ein Smartphone besorgt. Dass die Leute um ihn herum auf diesen Displays sehen können, wofür sich Sacha Baron Cohen so vergeblich abmüht, entgeht ihm aber.

Habt ihr Borat 2 schon bei Amazon Prime gestreamt oder wollt ihr die Fortsetzung noch schauen?

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