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Batmans Rückkehr, die beste aller Comicverfilmungen

Michael Keaton in Batmans Rückkehr
© Warner
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Meint es gut mit den Menschen.

Stephen Colbert hatte Michael Keaton zu Gast, vergangenen Monat in seiner Late-Night-Show. Er setzte zu einer Frage an, "you've been Batman and Birdman", zu Ende formuliert aber bekam er sie nicht. "I am Batman", unterbrach und korrigierte ihn Keaton unter großem Studioapplaus. Entschuldigung, ich bin es noch immer und werde es auch bleiben. Ein kleiner Gag mit selbstgerechtem Grinsen, der Rekurs auf eine doch größere Sache nahm. Dass Michael Keaton nämlich Batman ist bzw. sein soll, hat vor knapp 30 Jahren kaum jemand glauben wollen. Die amerikanische Presse kommentierte das Casting des bis dato auf komödiantische Rollen festgelegten Schauspielers weitgehend hämisch. "Can Michael Keaton Fill the Cape?", fragte der Rolling Stone 1989 in einem großen Aufmacher – und das Wall Street Journal vermutete im neuen Batman-Kostüm gleich einen "Schlappschwanz", weil der schmächtige Schauspieler mit den sanften Lippen und dem rundem Kinn offensichtlich "kein Sylvester Stallone" sei. Zehntausende Protestbriefe erhielt Warner Bros. von aufgebrachten Fans, sogar Batman-Vater Bob Kane äußerte öffentlich Zweifel. Die Besetzung der Titelrolle war, freundlich gesagt, umstritten.

Batman kam daraufhin mit gigantischem Werbeaufwand in die Kinos und brach zahlreiche Kassenrekorde, die Zweifel an ihm und seinem Hauptdarsteller waren schnell ausgeräumt. Michael Keaton stellte viele voreifrige Kritiker zufrieden, als Bruce Wayne aka Batman überzeugte er durch smartes Understatement und gerade nicht muskelbepackte Heldenhaftigkeit. Für den plötzlich in Hollywoods A-Liga katapultierten Regisseur Tim Burton war die Superhelden-Blaupause hingegen eine frustrierende Erfahrung. Zwar gelang ihm trotz aller Vorgaben und Eingriffe des Produzentengespanns Peter Gruber und Jon Peters ein faszinierend gespaltener Film zwischen produktiv gemachten Event- und integrem Autorenkino, der im ständigen Widerstreit von künstlerischen und kommerziellen Ambitionen beinahe so schizoid war wie seine Titelfigur selbst. Doch haben die vielen Zugeständnisse an das, was einmal Franchise Building genannt werden würde, Burton einigermaßen verstört. Er verzweifelte am Soundtrack von Prince, der als Popvertonung des globalen Phänomens in den Film gezwängt schien, und einer durch ständige Studioobstruktionen behinderten Produktion, die ihm wiederholt zu entgleiten drohte.

Nur zu eigenen Bedingungen soll Tim Burton daher für die drei Jahre später veröffentlichte Fortsetzung Batmans Rückkehr bereitgestanden haben. Ein Budget von 80 Millionen Dollar und vollständige künstlerische Freiheit gewährte ihm Warner Bros, um das in den Burbank-Studios von Presse und Öffentlichkeit abgeriegelt entstandene Sequel nach seinen persönlichen Vorstellungen zu drehen. Im Rückblick mag es verrückt erscheinen, dass Hollywood einmal kostspielige Superheldenspektakel talentierten Filmemachern anvertraute, ohne sie wie Erfüllungsgehilfen an der kurzen Leine zu halten – was der vielleicht schlimmste Albtraum aller Kevin Feiges ist, sorgt als Glücksfall eines künstlerisch souveränen Tentpoles heute für ungläubiges Staunen: Tim Burton hat das Konzept Blockbuster einen Moment lang für individualistischen Wahnsinn geöffnet. Gewissermaßen bringt das schon der Beginn von Batmans Rückkehr zum Ausdruck. Er blendet vom strahlenden Warner-Trademark in eine schneebedeckte Nacht über, als sollte dem während der heißen Monate des Jahres 1992 angelaufenen, aber bei durchweg fröstelnden Temperaturen spielenden Film jede Erwartung an sommerlich-leichte Unterhaltung ausgetrieben werden.

Zeitlich entrückte Festtage stehen in Tim Burtons Gotham City dann auch selbstredend nicht für Besinnlichkeit. Geradezu eine Pervertierung alles Weihnachtlichen zelebriert der Film, wenn Christbäume in Flammen aufgehen, Geschenkboxen sich als tödliche Fallen erweisen und feierliche Zusammenkünfte von Motorradfahrern mit Clownsmasken buchstäblich zerschossen werden. Mittendrin ein Bösewicht namens Pinguin (Danny DeVito), der sein quietschgelbes Riesenentlein durch Kanalisationsgänge und Zerstörungsbilder manövriert, der Menschen blutig in die Nase beißt und mit abgetrennten Gliedmaßen herumwedelt. Mittendrin ebenso dessen Komplizin Catwoman (Michelle Pfeiffer), die Kaufhäuser hochgehen lässt oder Vergewaltigern das Gesicht zerkratzt. Und mittendrin vor allem der korrupte Großunternehmer Max Shreck (Christopher Walken), der den einen zum Bürgermeister machen möchte und die andere einfach aus dem Fenster seines Firmenhochhauses schmeißt. Batmans Rückkehr ist Kino als unaufgeräumtes Kinderzimmer, dem Irrsinn lustvoll verfallen und doch unwahrscheinlich genau in der Beobachtung menschlicher wie ganz besonders monströser Abgründe.

Die Frage, wer in diesem Film Mensch und wer Monster ist, beantwortet Tim Burton gleichwohl zugunsten der disparaten Gegenspieler des Titelhelden. Hier ist die heute scheinbar comicfilmübliche Ambivalenz nicht nur bloße Behauptung, den destruktionswütigen Pinguin identifiziert der Film als verstoßenen Sohn, die selbstermächtigte Catwoman als eine von Vorgesetzten drangsalierte Frau aus prekären Verhältnissen. Schurken sind bei Burton nicht maskierte Antagonisten, sondern gänzlich unverhüllt auftretende Personen der Öffentlichkeit: Hinter dem süffisanten Tycoon-Grinsen von Max Shreck verbirgt sich die hässlichste aller Fratzen, tritt das tatsächliche Monster in bürgerlicher Montur auf. Der erste Film, das nahmen die Fans ihm übel, deutete Batman in ein Geschöpf des Unterwelt-Bosses Jack Napier (später bekannt als Joker) um. Batmans Rückkehr wiederum erklärt den missgebildeten Pinguin zum Opfer von Gothams Oberschicht und inszeniert Catwoman als Produkt sozialer Ungleichheit. Beides sind Kreaturen, mit denen der Film schon deshalb sympathisiert, weil sie von wahrhaftigen Ungeheuern erschaffen wurden. Im Kino liebt niemand Außenseiter so wie Tim Burton.

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