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Decomposition of a true Story

12 UHR NACHTS, seine Fehler und seine Kraft

Ein surrealer, tiefgreifender und heftiger Blick.
© Sony Pictures Home Entertainment
Ein surrealer, tiefgreifender und heftiger Blick.

as the roots undo...

MIDNIGHT EXPRESS greift die Geschichte von Bill Hayes auf, der 1970 versuchte, Haschisch aus der Türkei zu schmuggeln. Nach einigen erfolgreichen Versuchen wurde er verhaftet und zunächst für knapp vier Jahre inhaftiert. Kurz vor dem Ende dieser Haftstrafe erhöhte das Gericht die Dauer dieser und setzte das Strafmaß auf 30 Jahre fest. 1975 gelang Billy Hayes die Flucht. Der meisterhafte und mit reichlich Fiktion angefütterte Film von Alan Parker greift dessen Schicksal auf...

Ich wurde zum lesen gezwungen. Wieder und wieder legte man mir Bücher hin. Stephen Kings IN EINER KLEINEN STADT, die Bücher zu den Filmen STIRB LANGSAM und TERMINATOR 2. Du hast heimlich in einem furztrockenen Feld, mitten im Hochsommer geraucht? Lies das Buch. Du hast deinen letzten Aufsatz, Note 5, selbst unterschrieben? Lies das Buch und erzähl mir davon. Du hast deinen Sportlehrer absichtlich umgeschubst, einen Mülleimer in Brand gesteckt und außerhalb der Ringerhalle andere Jugendliche verprügelt? Lies das Buch und schreibe darüber, erkläre mir, worum es in diesem Buch ging.


Mein Vater war ein gerissener Kerl, wenn es um eine gerechte Bestrafungen für alle möglichen Jugendsünden ging. Er war immer fair, griff zur Vernunft und vergaß den Humor nie, egal wie schlimm manches im ersten Moment auch hallte. Lies das Buch und erzähle mir davon. Er kannte sie natürlich, diese Bücher, wusste, dass ich es hasste, etwas lesen zu müssen und ich las sie dann anschließend. Immer dann, wenn ich Blödsinn veranstaltete, eingepfercht in meinem Zimmer, auf meinem Balkon, auf der Terrasse, hinten im Garten. Ich brauchte bei meinen schlechten Deutschnoten oft ewig für die kürzesten Bücher und in einigen Fällen ärgerte mich mein alter Herr sehr. Kaum hatte ich IN EINER KLEINEN STADT beendet, lief der Film im Fernsehen, dessen Sog für eine vorgetragene `Kritik´ oder eine schriftliche Zusammenfassung gereicht hätte. Du hast dem Nachbarn besoffen auf den Rasen gekotzt? Ach, gehe zum ihm rüber und tue so, als ob es dir leid täte. Du hast deine Deutschlehrerin angeschrien, deine volle Brotbüchse an die Tafel geflakt, sie eine *SO ETWAS SAGT MAN NICHT* genannt, deinen Tisch umgeworfen und ihre Tasche aus dem Fenster geschmissen? Lies das Buch, komme zur Vernunft und schreibe einen Aufsatz, nur für mich. NACHTEXPRESS, von Billy Hayes und seinem Ghostwriter William Hoffer. Noch heute steht es, dicht gepresst, in meinem Regal und wird auf Onlineportalen, ich war wirklich amüsiert darüber, für zwei drei Euro gehandelt. Ein packendes Buch, so alt und vergriffelt, dass die Seiten ihr zartes Weiß schon damals, vor siebzehn Jahren verloren hatten. Beige und trockene Seiten, manche lose flatternd. Dieser elend muffige Geruch. Ich weiß nicht, wie viele Menschen dieses Buch in der Hand hatten, aber der Geruch dieser Seiten war eine Qual. Stille Post. Ich mochte das Buch sehr, war durchweg gefesselt, schockiert und auch manipuliert worden, sah den Film einige Zeit später im TV und war reichlich irritiert von dieser kontroversen, teils märchenhaft widerlichen Verfilmung. Eine durchaus einseitige, leidvolle Fabel, aber die traumhafte Inszenierung und die situative Sogwirkung war enorm, trotz Kenntnis der lehrreichen Buchvorlage. Ein Ritt durch eine fremde Kultur, ein Sprung in die Einsamkeit, durch die Entfremdung hindurch, am Ende die Hoffnung. Es ist kein Geheimnis und mit den Jahren traten immer mehr Details ans Licht und es ist kaum noch möglich, die Ereignisse hinter 12 UHR NACHTS, wie der Verleih den Film hierzulande betitelte, auf ihren Wahrheitsgehalt zu destillieren, was auch gar nicht schlimm ist. Diese faszinierende und sehr gefühlvolle Geschichte um einen Mann, der durch seine ganz eigene Hölle wandert, hat einen weiten Weg hinter sich und ich bin meinem Vater, im Nachhinein, dankbar für seine `Methoden´ abseits vom kläglichen Hausarrest gewesen.

***

"MIDNIGHT EXPRESS basierte wirklich auf einer wahren Geschichte...aber ich wollte damit nicht sagen, dass es eine wahre Geschichte ist. Ich meine, insofern...wenn man über den Verlauf und den Ursprung des Filmes nachdenkt, hatte man den echten Billy Hayes beim Drogenschmuggel erwischt. Er wurde verurteilt und konnte dann fliehen. Als er zurück in die USA kam, bot man ihm einen Buchvertrag an und er schrieb ein Buch, mit dem Ghostwriter William Hoffer. Man hat also die unzuverlässigen Memoiren von Billy Hayes im Gegensatz zu dem, was wirklich passiert ist. Und das wird dann etwas aufgeblasen, wenn man plötzlich einen Berühmtheit ist. Und William Hoffer, der Ghostwriter des Buches, hatte natürlich literarische Bedürfnisse und entfernte die Geschichte noch weiter von der wortgetreuen Wahrheit. Und dann schrieb Oliver Stone das Drehbuch und entfernte sich noch weiter von der Wahrheit, von dem, was wirklich passiert ist. Und dann machte ich den Film. Und jeden Tag, bei jeder meiner Entscheidungen an dem Ort [...] entfernten wir uns weiter davon, was wirklich passiert ist. Weil ich einen Film machte. Für mich war es sehr offensichtlich. [...] Jetzt, nach vielen Jahren, würde man es intellektuell und politisch gesehen vielleicht anders angehen. Aber ich stehe zu dem Film [...] Es war einfach eine tolle Geschichte für einen Film. Und genau das ist es auch. Es ist nur ein Film." - Regisseur Alan Parker im Audiokommentar


Oh ja! MIDNIGHT EXPRESS wurde über die Jahre hinweg sehr harsch beäugt und heftig kritisiert. Parker selbst räumte selbstkritische Töne ein, stand aber zu seinem virtuosen Werk, würde aber heute gewisse Dinge und Aspekte, vor allem jene politischer Natur, ganz anders angehen. Auch Oliver Stone, der das Buch adaptierte, einen Oscar dafür gewann, nun, auch er gab an, einiges "über-dramatisiert" zu haben und entschuldigte sich einige Jahre später dafür. Viele Ecken und Enden, gerade die Haftbedingungen, wurden verwässert, verfälscht und verformt. Speziell die atmosphärisch dichten, unbehaglichen, nicht untertitelten Passagen der türkischen Figuren im Film, die alles mögliche an Sprachen von sich geben, nur kein Türkisch, sind nicht unerheblich in ihrer negativen Wirkung. Wer den Film auf der hervorragenden Blu-Ray gesehen hat, der dürfte von dem Audiokommentar des großen Alan Parkers begeistert sein, gerade weil er eigene Fehler und schwach gerundete Missstände aufgreift. Detailliert geht er auf die Umstände dieser Low-Budget Produktion ein, die keine 3 Millionen US-Dollar kostete und schildert die brisanten Hintergründe, die Ideen und Prozesse so, als wäre der aufreibende Dreh keine drei Wochen her - fantastisches, untertiteltes Kino im Film selbst. Auch die weiteren Extras beleuchten die Hintergründe, die Vorproduktion, die Wahl der Darsteller und den kultigen Score von Giorgio Moroder, der ebenfalls einen Oscar für seinen schwitzend fiebrigen Score gewann. Ein kraftvolles, barmherziges Meisterstück im Kleinen, gerade wegen seiner vermeintlichen Makel im Gesamten, dessen finale Schritte metaphorische Sphären erreichen, in dem die tatsächlichen Begebenheiten verschwommen leuchten.

Vor der Linse gibt es nur positives, teils herausragendes zu berichten. John Hurt gibt hier in einer Nebenrolle alles und punktet durch verschrobene Zurückhaltung und erhielt völlig zurecht eine Nominierung für den Nebendarsteller-Oscar. Der junge Randy Quaid und die anderen Nebendarsteller vollbrachten Bestleistungen auf Celluloid und am Ende ist es ein Mann, der alles mit sich reißt. Brad Davis, der Billy Hayes authentisch verkörperte. Brad Davis? Wer ist das? Hm. Der, damals an AIDS erkrankte Davis starb 1991 an einer absichtlich herbeigeführten Überdosierung von Drogen. Sehr schade. Blickt man auf seine Filmografie, dann ist 12 UHR NACHTS - MIDNIGHT EXPRESS sein populärster Film. Sein kantiges Charisma, sein energisches Spiel und sein präsentes Auftreten erinnerte mich an viele Stars der heutigen Zeit. In der Schablone seiner Erscheinung, irgendwo zwischen Matt Damon, Channing Tatum, Josh Brolin und Mark Wahlberg, glänzte ein unterschätzter Mime, der damals, 1978, durchaus eine Nominierung für den Hauptdarsteller-Oscar verdient gehabt hätte. Eine mitreißende, sehr mutige Darstellung mit vielen ruhigen Polen, die gegen Ende zu einer wahrhaftigen Meisterleistung mutiert. In der drastischen Auseinandersetzung mit Rifki (Paolo Bonacelli), einem Widersacher, nimmt die drückende Melange aus dem fantastischem Schnitt, der beklemmenden Musik, den blutig dunklen Bildern und Davis intensiver Darstellung fast surreale Züge an. Eine irre, komplett einverleibte, kaputte und ausgelaugte Performance. Die respektvoll eingeflochtenen homosexuellen Untertöne, werden nur sanft angedeutet, was damals, Ende der Siebziger, unter den strengen Augen der Studiobosse, nicht zu ausgeprägt behandelt werden durfte. Doch Parker inszenierte auch diese schwierige Note mit großem Geschick und einem Auge für die kleinen Dinge. Eine Gabe, die er in Angel Heart (1987) perfektionieren sollte. Wie gesagt, der Audiokommentar ist ein wahres Schmankerl für langjährige Fans des Films. Starkes Charakterkino, das auch heute, knapp vierzig Jahre nach der Uraufführung vollends überzeugt, zum Nachdenken anregt und eine eigenwillige Studie der isolierten Gefangenschaft ist. Ein ambitionierter Film, auch wenn er an einigen Biegungen straff scheiterte. Ein schürfendes und intensives Gefängnisdrama. Die emotionalsten Momente spielen sich zwischen Hayes und seinem Vater (Mike Kellin) ab, der alles versucht, um Billy zu retten. Verspielt, gefühlvoll und väterlich. Lichte Momente der Hoffnung.


Die letzten Wochen schaute ich MIDNIGHT EXPRESS zwei mal, was selten genug passiert, egal wie stark ein Film auch ist. Einmal so wie er ist und einmal mit den grandiosen Extras im Pack. Und der Film ließ mich nicht mehr los, ich kritzelte, dachte nach und blätterte, wie damals als `Sträfling´, durch das muffige Buch, dachte an jene Tage, wo ich zur Strafe Bücher rauf und runter lesen musste, darüber berichten sollte und lernte. Freiheit. Schaut diesen Film und erzählt allen, was ihr von MIDNIGHT EXPRESS haltet, lest das Buch. Kritische Fehler hin, berechtigte Kontroversen her. Noch ein Zitat von Alan Parker, der in seinem Kommentar einräumte, dass alle Beteiligten eben noch sehr jung waren - er war 34, Stone erst 32 -, als der Film gemacht wurde. In Anbetracht seiner Wirkung und Intensität, ist MIDNIGHT EXPRESS ein ambivalentes Meisterstück mit drückenden Schnitzern. Ein Film, der gefangen nimmt und der Freiheit entgegen schreit. Gänsehaut.

"[...] Wir hatten nicht beabsichtigt, einen rassistischen Film zu machen. Wir dachten, wir drehen einen Film über Unrecht." - Alan Parker (Quelle: Wikipedia, The Guardian)

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