Einfach das Ende der Welt - Kritik

Juste la fin du monde / AT: It's Only the End of the World; Just the End of the World

FR/CA · 2016 · Laufzeit 95 Minuten · FSK 12 · Drama · Kinostart
Du
  • 5

    Bin mehr als enttäuscht.
    Stinklangweiliges Kammerspiel mit ausgelutschter Prämisse, klischeehaften Charakteren und nervigen Pop Songs.

    5
    • 8 .5

      Ich liebe Xavier Dolans Filme. Auch dieser hier ist wunderbar inszeniert und gefilmt, Marion Cotillard und Lea Seydoux spielen herausragend, Gaspar Ulliel ist eine Augenweide. Leider habe ich schon lange meine Probleme mit Vincent Cassel, der immer wieder diesselbe Arschlochrolle spielt. Auch hier. Seine Figur ist so überzeichnet, dass es streckenweise den Film versaut.

      • 6

        Der Film hatte schon was. Bis ich das gemerkt habe, war er schon sehr zäh und es war teils fast nervig, dem scheinbar profanen Scheiß zu folgen... jedoch bekommt er eine gute Dynamik, die natürlich genau darauf aufbaut. Ich bin froh, den Film nicht abgebrochen zu haben. Aber es geht im Allgemeinen um Stress und teilweise geht der Psychoeffekt hier schon an gut nuancierten Grenzen. Bei französischen Filmen ist das schon mal so ne Sache. Einfach das Ende der Welts Pointe ist kitschig, aber hat eine top Daseinsberechtigung, als Film verbildlicht zu sein. Familienkonflikte in Filmen (als Hauptgang) mag ich.

        6
        • 6

          Ein sterbender Mann will sich mit seiner Familie versöhnen – so weit, so bekannt. Anders als die meisten Filme zu dem Thema lässt einen „Einfach das Ende der Welt“ damit aber alleine. Erklärungen oder Vergebung gibt es nicht, bei dem aggressiven und kryptischen Drama sind am Ende alle kaputter als zuvor.

          • 7

            Kein Mommy und kein Laurence Anyways erwartet uns mit Xavier Dolans neuster Regiearbeit. Der übersprudelnde Enthusiasmus des nicht einmal 30-jährigen Filmemachers schäumt in Einfach das Ende der Welt nicht in der charakteristischen Welle der Ungezwungenheit auf, die den Zuschauer entweder mitreißt oder schlichtweg unter sich begräbt. Einfach das Ende der Welt hingegen ist ein Film der Grenzen - und das Bewusstsein über die Grenzen unseres Daseins ist nicht unwesentlicher Bestandteil des Inhalts. Als klaustrophobisches Kammerspiel scheint die zwischenmenschliche Apokalypse eines familiären Zirkels allein räumlich bereits einen strikten Handlungsrahmen aufgezwungen zu bekommen. Durch den Umstand, dass Louis nach 12 Jahren zurück nach Hause gekommen ist, um seinen Angehörigen zu sagen, dass er für immer gehen muss, thematisiert Einfach das Ende der Welt auch eine irdische Schwelle. Der Moment der Offenbarung scheint indes der Ankerpunkt der Erzählung zu sein - und der Zuschauer wartet. Wartet, während er dabei durch ein emotionales Krisengebiet schreiten muss und einen Wust aus Anspannung, Erwartung, Hoffnung, Enttäuschung, Angst und Wust erfährt. Zuhause ist hier noch der Ort, wo sich der Schmerz besonders heimisch fühlt. Die Größe von Dolans feingeistiger Kunst zeigt sich dabei vor allem dann, wenn er (wie so häufig, darin ist er inzwischen ohnehin unschlagbar) das Alltägliche aus dem Alltag stanzt und diesem einen neuen Rahmen schenkt, der dem Leben eine einmalige Poesie verleiht. Wie, wenn die Hände einer Mutter den Rücken ihres Sohnes auf und ab fahren. Wie, wenn die Augen des Sohnes nur dann an den Vater gemahnen, wenn sie sich bis zum Rand mit Tränen füllen.

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            • 2
              DerDude_ 14.04.2017, 09:52 Geändert 14.04.2017, 20:07

              ...and they dont stop hating.

              Was soll man dazu noch sagen ? So langsam dämmert es selbst dem Kritikerkanon, dass der, zuvor als Wunderkind umjubelte Xavier Dolan vielleicht doch nur eine Nebelkerze ist. Und die durchwachsenen Rezensionen, die auf den neusten Streich von Dolan eingeprasselt sind, nachdem jedes seiner Werke zuvor fast einstimmig umjubelt wurde, haben ihre Berechtigung : EINFACH DAS ENDE DER WELT ist nicht nur ein schrecklicher Film, er vereint alles, was die Filme von Dolan so unerträglich gemacht haben.

              Der drohende Untergang
              Louis hat nicht mehr lange zu leben. Eine schwere Krankheit wird sein Dasein beenden. Nun gilt es, sich seiner Familie, die er vor Jahren verlassen hat, zu stellen und ihr die traurige Nachricht zu überbringen. Nur kommt er nie dazu. Ebenso wenig kommt aber Dolan dazu, uns das Ausmaß dieser Krankheit näher zu bringen. Auf was blickt dieser junge Mann zurück ? Das bleibt uns verschlossen. Genau wie die Transsexualität in LAURENCE ANYWAYS wird hier ein entscheidender (genau genommen DER entscheidende) Faktor des Filmes einfach behauptet, was er aber mit dem Protagonisten macht bleibt im Verborgenen. Über Louis selbst und wie er so drauf ist, erfahren wir rein gar nichts. Das Einzige was uns Dolan mitgibt sind fragmentarische Rückblenden und selbst diese sagen uns überhaupt nichts und scheinen eher dazu zu diesen, den Musikvideo-Fetisch des Regisseurs zu befriedigen (Sogar der Numa/Numa-Song findet seinen Weg in den Film). Wie alle Dolan-Filme wirkt EINFACH DAS ENDE DER WELT so, als würde sich Dolan einfach Szenen zu seiner Lieblingsmusik ausdenken. Besonders in MOMMY (Dolans wohl ansonsten erträglichster Film) war das bereits ein Störfaktor, EINFACH DAS ENDE DER WELT hingegen setzt noch einen drauf.

              Familie
              "Vielleicht weinen sie nicht mal über mich, wenn ich weg bin", sagt Louis ins Telefon. Warum sollten sie nicht ? Zwar ist das Verhältnis von Louis zum Rest seiner Familie eindeutig belastet, aber dennoch scheint er ihnen alles andere als egal zu sein. Ein stimmiges (dysfunktionales) Familienbild zu entwerfen, dabei versagt Dolan völlig. Die Interaktion zwischen den einzelnen Mitgliedern wirkt nicht homogen, aber nicht das es so wirkt, als wäre ihre Beziehung zerbrochen, man kauft es ihnen einfach nicht ab. Es ist fraglich, warum jemand wie Antoine (Vincent Cassel), der ein derartig aggressives und feindstiftendes Verhalten an den Tag legt, überhaupt noch ins Haus gelassen wird. Und Tochter Suzanne (Lea Seydoux) scheint keinerlei Anstalten zu machen, ihre Kifferei vor der Familie zu verstecken. Solche Familienverhältnisse sind natürlich nicht abseits der Realität. Auch so etwas gibt es, nur brauche ich als Zuschauer mehr Erklärung, die Dolan dann aber nie liefert.

              Dolan und die Frauen
              Oft wird das Frauenbild in den Filmen von Xavier Dolan gelobt, doch es erweist sich als Schablonenhaft. Die Frauen in den Dolan-Filmen (z.b. die Mütter in I KILLED MY MOTHER oder in MOMMY) schwanken immer zwischen Verzweiflung und tiefster Aufopferung. Zwar gelingt es den Schauspielerinnen oftmals, die Figuren interessant zu gestalten, aber dennoch sind ihre Charaktere frei von Überraschungen. Besonders in EINFACH DAS ENDE DER WELT wird dies deutlich. Nathalie Baye gibts sich Mühe, aber dennoch ist sie so irrelevant für die Handlung, dass man sie auch hätte streichen können. Daneben gibt es immer die "Helfer-Frau" (meistens von Suzanne Clement gespielt), die dem (meist schwulen) Protagonisten immer neutral zur Seite steht. Hier nimmt diese Rolle Lea Seydoux als Schwester Suzanne ein. Ihre Leistung ist wohl noch das Beste am ganzen Film, denn man merkt, wie sehr Seydoux versucht, diese Rolle ansehnlich zu gestalten. Darüberhinaus aber markiert EINFACH DAS ENDE DER WELT zweimal bodenloses Schauspiel und das ausgerechnet von zwei Schauspielern, die ich eigentlich schätze. Die eine ist Marion Cotillard, ihr peinliches, auf Reaktion und Mitgefühl ausgelegtes Stottern ist von der ersten bis zur letzten Minute nervig und wenn sie mal keinen Text hat, werden die Rehaugen ausgepackt. Auf den anderen Schauspieler komme ich gleich zu sprechen. Es sei, zusammenfassend, nur noch erwähnt, dass das Frauenbild in Dolans Filmen zwar nicht problematisch, aber schlichtweg uninteressant ist.

              Dolan und die Männer
              Die Männer in den Filmen von Xavier Dolan sind, vom jeweiligen Protagonisten mal ausgenommen, entweder Bedrohung für diesen oder sie sind ganze einfach das Objekt der Begierde. In manchen Fällen sogar beides, aber auch sie sind immer nur zu 100% auf den Protagonisten und dessen Werdegang ausgerichtet. Kein bisschen Ambivalenz wird ihnen zugesprochen, sie können nur verehrt oder gehasst werden. In EINFACH DAS ENDE DER WELT trifft nur letzteres ein. Vincent Cassels Performance als Bruder Antoine ist der Tiefpunkt des Filmes. Ständig brüllt und beleidigt er sich durch die Szenen, so sehr, das man fast das Gefühl bekommt, er sei der Protagonist des Filmes, denn die gemeinsamen Familienszenen haben münden meistens nur in : Cassel ist wütend ! Jede Spur von Doppelbödigkeit sucht man bei ihm vergebens und immer wenn sie sich andeutet, wird wieder nur geschrien.

              Der Ort
              Interessant ist der Schauplatz von EINFACH DAS ENDE DER WELT. Das Haus der Familie, in dem fast der gesamte Film spielt, scheint idyllisch abgelegen zu sein, als müsste man ein paar Minuten von der Stadt aus fahren, um es überhaupt zu erreichen. Eine solche Abgeschiedenheit lässt sich in Dramen fantastisch nutzen, um die Atmosphäre zwischen den Figuren zu konzentrieren oder um das Bild einer Idylle zu zeichnen. Schließlich handelt EINFACH DAS ENDE DER WELT auch von Kindheit und Erinnerungen. Doch an sowas ist Dolan nicht interessiert. Warum Bilder einfach mal atmen lassen, wenn ich sie mit Pop-Songs zumüllen kann ? Auf die MTV-Montage folgt wieder ein Wutausbruch und dazwischen dann nur extreme Close-Ups von Gesichtern. Die Inszenierung, für die Dolan so gelobt wurde, verkommt hier ein für alle mal zur Karikatur.

              Was nun ?
              Xavier Dolan hat hier der Welt endgültig bewiesen, dass hinter dem Film/Musik-Freak jemand steckt, der kein Gespür für Zwischentöne hat und der Unfähig ist, ein Star-Ensemble gescheit zu führen. Noch mehr aber ist EINFACH DAS ENDE DER WELT ein Film, der gnadenlos verdeutlicht, wie sehr Dolan auf der Stelle steht.

              Es wird Zeit für etwas radikal Anderes für den Kanadier.
              Denn immer mehr Leute dringen zum hohlen Kern von ihm durch.
              Und wird es : Einfach das Ende von Dolan.
              Denn das hier ist der Anfang vom Ende.

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              • 9

                Nur selten hat mich ein Film so umgedreht wie das neueste Dolan Stück. Anfangs dachte ich noch, jetzt wird wieder das überdominante Schwulenmotiv und das ewige Mama-Trauma von Dolan kredenzt oder es wird belangloses Familienzusammenführungsgeschwätz bei Kaffee und Kuchen mit Klischeekonflikten, aber weit gefehlt. Dolan dreht da die Gefühlsdusche eiskalt bis brühheiß auf, ab einem bestimmten Punkt wurde ich ganz gebannt reingezogen und saß wie das Karnickel vor der Schlange. Der junge Mann, der nach Ewigkeiten seine Familie daheim aufsucht, um sie über seinen bevorstehenden Tod zu unterrichten und auf den richtigen Zeitpunkt dafür wartet, das ist der Ausgang dieses Films.

                Die Schauspieler: À la bonne heure! Marion Cotillard und Léa Seydoux sind ohnehin immer eine unbeschreibliche Wucht. Selbst wenn sie hier nicht alles zeigen können, auch bei den kleinen Nuancen sind die beiden voll da. Nathalie Baye und Gaspard Ulliel haben mich sehr positiv überrascht, aber was Charaktergesicht Vincent Cassel da abliefert, diesen puren Hass, den er da ausschüttet, das ist schon besonders eindrucksvoll und verleiht den Szenen auch diese überwältigende Kraft (ich hoffe, das kommt in der Synchronisation auch so stark rüber, ich habe es auf Französisch mit englischen UT gesehen).

                Ich meine, das ist Xavier Dolans bislang bester Film [allerdings kenne ich "Mommy" als einzigen Film von ihm noch nicht, der wartet aber schon], weil er wohl die stärksten Gefühle transportiert. Nun kann man meinen, das ist nur bedingt Dolans Verdienst, weil er hier ja auf ein Theaterstück zurückgreift, aber immerhin hat der oft so betitelte junge Wunderknabe die Hand und den Blick dafür, wie man das kräftig inszeniert.

                Der talentierte Bursche nötigt mir wirklich Respekt ab. Ich freue mich auf sein weiteres Schaffen.

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                • 7 .5

                  Nach 12 Jahren Abwesenheit wird Louis immerhin für einen Nachmittag in den Schoß seiner Familie zurückkehren. Der mittlerweile 34-jährige Schriftsteller reist allerdings nicht nur mit einem Kopf voller Fragen und Ängste in seiner alten Heimat an, sondern zudem mit einer traurigen Botschaft, denn er ist todkrank und wird in naher Zukunft sterben müssen. Den idealen Moment will er abfangen, in dem er es seiner Mutter, seiner jüngeren Schwester, dem älteren Bruder und dessen Frau mitteilen will, doch dafür gilt es für Louis zunächst zu ergründen, wer diese Menschen sind, zu denen er all die Jahre keinen persönlichen Kontakt hatte und vor allem was für ein Mensch er in ihren Augen ist.
                  Während die ungefilterten, überwältigenden Gefühle in Xavier Dolans letztem Werk „Mommy“ trotz des beengenden 1:1-Bildformats gefühlt aus jeder einzelnen Einstellung zu platzen schienen, ist „Juste la fin du monde“ das deutlich introvertierte Gegenstück. Die Kamera von André Turpin klebt in unentwegten Nahaufnahmen geradezu an den Gesichtern der Figuren, tastet sich vorsichtig an Empfindungen und Regungen entlang und verweilt manchmal für eine ungewohnt lange Zeit in einem bloßen Ausdruck, der entweder in langsamer Ungewissheit erstarrt oder in brutaler Konsequenz explodiert.
                  Dolan modelliert aus dem adaptierten Theaterstück von Jean-Luc Lagarce ein fragiles Familienkonstrukt, in dem das (V)erlebte der Vergangenheit, das bekannte Gefühl des Unwohlseins, wenn man sich im engsten Kreis der Verwandtschaft wie ein Fremder vorkommt, und die unausgesprochenen Konflikte unter der Oberfläche brodeln, bis sie der Regisseur wiederholt zum schwer erträglichen Ausbruch bringt. Anfangs bringt Louis nur widerwillig Worte über seine Lippen, verdammt sich selbst zum Schweigen und gibt sich als stiller Beobachter. Dabei wirkt er wie ein unerwünschter Gast in seinem eigenen Leben, der sich zwar mit im Haus befindet, in Wirklichkeit aber vor verschlossener Türe zurückgelassen wurde.
                  Bei der Charakterzeichnung gibt sich „Juste la fin du monde“ unausgereifter als die bisherigen Werke des Regisseurs, der sich hier nur 95 Minuten Zeit nimmt, um eine ganze Palette an Konflikten und Problemen zu thematisieren. Wie in einem Kammerspiel existieren bis auf Louis alle Figuren des Films ausschließlich im Hier und Jetzt, die Vergangenheit ist ein Faktor, der zu vager Unschärfe verdammt wird, während es außerdem kaum von Interesse ist, was in der Zukunft geschehen wird, die durch Louis‘ definitiv feststehendes Ableben ebenfalls ausradiert wird.
                  Nur im Umgang mit den Rückblicken in Louis‘ Vergangenheit strahlt der gewohnte Stil von Dolan durch, der immer schon zu gleichen Teilen Gefühls- und Bilderstürmer war und es sich auch in diesen teilweise nur kurz aufflammenden Momenten nicht nehmen lässt, zu unpassendstem Euro-Trash in Form von O-Zones „Dragostea Din Tei“ wohlige Nostalgie zu versprühen, während sich zu französischem Pop innig geliebt wird.
                  Davon abgesehen wirkt der Film erzählerisch schlicht und reduziert, wobei selbst Markenzeichen des Regisseurs schnell in den Hintergrund rücken. Die schrill überschminkte und aufgekratzte Mutterfigur wird frühzeitig zur besorgten, nachdenklichen Zweiflerin besänftigt, während sich die Homosexualität des Protagonisten ebenfalls recht bald zur Nebensächlichkeit entwickelt. Aus einem potentiell problematischen, weil charakterlich unterentwickelten Drehbuch schöpft Dolan als begnadeter Handwerker nichtsdestotrotz aus dem Vollen, indem er die ruhigen Szenen seines Films mit quälender Spannung auflädt, während in den Momenten der Auseinandersetzung, die sich im späteren Verlauf häufen, tatsächlich so etwas wie das Ende der Welt spürbar ist, bei dem sich die Familienmitglieder vereinzelt auf ihren persönlichen Untergang zubewegen, während die Emotionen roh sowie universell greifbar in der Luft hängen.
                  Während Léa Seydoux in der Rolle der jüngeren Schwester Suzanne überzeugend das naive, überforderte Mädchen gibt, das den eigenen Bruder bislang eher als Mythos denn als Mensch aus Fleisch und Blut kannte, wirkt Marion Cotillard als Schwägerin etwas unterfordert, obgleich sie eine Schlüsselrolle einnimmt, was die Nachricht betrifft, die Louis seiner Familie mitteilen will. Am faszinierendsten erweist sich jedoch Vincent Cassel in der Rolle des aggressiven Bruders, bei dem jeder Ausdruck von ungebremster Rage eine tiefe Selbstverletztheit offenbart, die spätestens bei einer fantastischen Autofahrt-Sequenz gegen Ende und dem intensiven, kaum auszuhaltenden Finale endgültig zum Vorschein tritt.
                  Schon lange durfte man das Ende der Welt, welches eigentlich keines ist, derart intim, bittersüß und schmerzlich zugleich miterleben wie in diesem Film.

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                  • 7 .5

                    PS: Der Film erinnert mich an das großartige Buch "Rückkehr nach Reims" von Didier Eribon...

                    • 7 .5

                      Louis, 34, erfolgreicher Schriftsteller, schwer krank, schwul, besucht nach 12 Jahren mal wieder seine Familie, dysfunktional, Unterschicht, total zerstritten, kann aber nicht ohne einander.
                      Das Wiedersehen ist total anstrengend für alle und auch total anstrengend anzusehen - aber wie immer bei Xavier Dolan gibt es so einige magische Momente.
                      Er ist einfach ein genialer Regisseur, schafft mit Bildern, Farben, Musik und seinen großartigen Schauspielern Szenen, die tief berühren.
                      Ich konnte den Film immer wieder kaum ertragen, deshalb nur 7,5, mit mehreren Momenten, die eine 10 verdient hätten...

                      • 6 .5
                        Dergestalt 06.01.2017, 01:19 Geändert 10.01.2017, 02:49

                        Wenn es für Xavier Dolan sonst stets einen Hype gibt, darf es auch einmal einen Gegenhype geben. "Juste la fin du monde" schien Dolans erster "Ausrutscher" (als ob es den peinlichen Rohrkrepierer "Tom à la ferme" nie gegeben hätte...) und wurde nicht nur auf Cannes, sondern auch von diversen Kritikern bei Kinostart ziemlich angegangen. In meinen Augen hängt die Qualität wie so oft in der Mitte. "Juste la fin du monde" ist kein pulsierender Augenöffner wie "Mommy" oder "Laurence Anyways", aber nein, der Film ist bei weitem auch kein Totalausfall. Einfach nur ein ordentliches Drama, das seine Wirkung trotz fehlender größerer Ambitionen gut entfalten kann.

                        Also bei den Maßstäben bleiben: Dolan will hier eben nicht den Überfilm schaffen, keinen Kosmos aus bunter Pop-Art und luftigem Electrosoundtrack, coolen Lebenskünstlern und pointierten Dialogen. Er will sich Zeit lassen, mit den Dialogen, den Einstellungen, der Atmosphäre, die sich subtil, aber saftig im familiären Kammerspiel entlädt. Die Kamera hüpft also weniger frei herum, sondern bleibt starr und dicht an den Charakteren, die Musik fügt weniger Dimensionen hinzu als dass sie in ihrer orchestral-gezähmten Form subtil untermalt. Die Figuren besitzen zwar die Dolan-typische Aufgekratztheit, jedoch zeigt die sich weniger in schrillen Gesten als in überraschendem Zynismus. Alle Schauspieler bieten dabei trotz manch naiv-klischeehafter Überzeichnung (willkommen bei Dolan!) ein lebendiges, im besten Fall rohes Spiel. Die Regie unter Dolan hingegen scheint irgendwie gebremster und nachdenklicher. Irgendwie scheint er wiederum der Protagonist Louis zu sein, der dem kreisenden familiären Treiben ausgeliefert ist und wortlos, irgendwie uncool und zahm bleibt. Klar, dass genau das den Fan nervt und oft auch den lebendigen Druck, der Dolans typische Filme herausragend macht, missen lässt - aber hey, dieser Film funktioniert trotzdem auf seine Art.
                        Unbeirrt lässt Dolan seine Figuren reden und reden, anstrengend werden und zeichnet erst in der Stille oder den ausnahmsweise poppig-lebendigen Flashbacks indirekt das Seelenbild des Protagonisten. Und dafür schätzt man Dolan schließlich doch auch, für die Fähigkeit, den Zwischenräumen Akzente abzutrotzen, die vielsagender sind als ganze Dialogpassagen. Auch bemerkenswert, wie unerbittlich er den Zuschauer der schwierigen Familienlage aussetzt und eben keine billig-psychologischen Lösungsvorschläge (siehe "Tom à la ferme") zur Hand gibt. Lediglich das (grundsätzlich konsequente) Ende will dann doch zu pointiert sein, nur hat Dolan dafür den falschen Film inszeniert. Oder anders gesagt: Das beste Klischee kommt zum Schluss. Aber sei's drum: Sein neuer Streich ist ordentlich, nicht herausragend, lässt an seinem Beobachtertalent sicher keinen Zweifel. Seine Meisterwerke bleiben aber wohl die in grellen Farben, insofern darf man schon ein bisschen enttäuscht sein.

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                        • 10
                          Celica 05.01.2017, 23:57 Geändert 05.01.2017, 23:58

                          Ein unglaublich bewegendes und authentischstes Drama. Eine herausragende Arbeit voller Kraft und Wut. Ein Meisterwerk der Filmkunst... mehr nicht.

                          • 8

                            "Mehr als ein Stilmittel sind die Großaufnahmen ein Ausdruck der Obsession. Sie sind so ziemlich das Gegenteil von dem, was etwas einfallslos Gespräche dokumentiert und Schuss-Gegenschuss genannt wird. Die Gesichtsbilder orientieren sich an der Logik der nervösen Erwartungssteigerung." [Frédéric Jaeger]

                            • 7
                              Juli Jane 03.01.2017, 22:19 Geändert 04.01.2017, 13:34

                              Die Wahrheit und nichts als die Wahrheit.

                              Der Sohn kehrt heim zur Familie. Der geliebte, schöne, talentierte Sohn/Bruder. Aber auch der, der die Familie seit vielen Jahren im Stich gelassen hat. Und nicht ohne Grund, wie das halt so ist. Der schweigt, obwohl er etwas zu sagen hätte. Ein milionenfach gelebtes Schicksal von Kindern/Geschwistern, auch ohne "Du musst-Sterben-Diagnose".

                              Was mit zähen Alltagsbanalitäten am Couchtisch beginnt, lediglich unterbrochen von den kleinen zynischen und gemeinen Einschüben des gekränkten älteren Bruders ( wer kann das besser der Narzißtengroßmeister Cassel), gipfelt dann doch in einem leicht überspitzten Clash of Family. Wenn auch stets die sublimen, nicht ausgesprochenen Regungen überwiegen. Ausgenommen der galligen Sprechblasen aus Vincent Cassels Mund, diesem hilflosen nicht enden wollenden Sturm von Giftpfeilen.
                              Da musste ich schnell an "Im August in Osage County " denken, auch wenn "Einfach das Ende der Welt" zurückhaltender, schlichter und vor allem auch schweigender bleibt.
                              Diese Saugknopfkamera hält sich einfach an allem fest, auch am Unausgesprochenen, am Nicht-Einmal-Zu-Ende-Gedachten, sogar das fängt sie ein... in dem sie sich einfach auf die Gesichter drauf setzt. Und dabei kommt natürlich etwas heraus, denn diese Gesichter gehören Lea Seydoux, Marion Cotillard und Vincent Cassel. Und nicht zu vergessen Gaspard Ulliel, dessen Gesicht die ganzen Nöte und Hilflosigkeiten zeigt, weswegen er damals gegangen ist.
                              Cotillard zum Beispiel..sie ringt den ganzen Film um Worte, redet eigentlich nur Mist, aber zeigt dennoch alles. Weiß alles. Das gilt auch für diesen Film.

                              Auch wenn "Einfach das Ende der Welt" eigentlich keinen richtigen Plot hat, sondern eher eine innerfamiliäre Gefühlslage darstellt, auch wenn man niemandem eine solche um sich selbst kreisende Horrorverwandschaft wünscht... wer nach den Festtagen weiß nicht, wie fürchterlich es zu hause sein kann? Und wer hätte es nicht verdient, sich das mal von Dolan unter die Nase reiben zu lassen?
                              Also.

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                              • 6 .5

                                Leider enttäuschend. zu viele Nahaufnahmen in Schuss-Gegenschuss-Dialogszenen, filmische Poesie nur sehr vereinzelt in der Rückblende des Protagonisten und der letzten 10 Minuten, doch selbst die täuscht dann leider nicht so sehr über den (scheinbar) ziemlich flachen Stoff hinweg.

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                                • 8

                                  Dass die experimentelle Sturm-und-Drang-Phase des Regisseurs einer narrativen Unaufgeregtheit gewichen ist, schafft Raum für das Eigentliche: den mikroskopischen Blick auf die kleinste Zelle der Gesellschaft, die einst eine Solidargemeinschaft war und heute ein soziales Auslaufmodell ist. [Philipp Rhensius]

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                                  • 5
                                    Cineast_Driver 29.12.2016, 21:08 Geändert 29.12.2016, 21:19

                                    Die größte Enttäuschung des Jahres.

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                                    • 7 .5

                                      Besser könnte man die globale Stimmungslage Ende 2016 doch kaum auf den Punkt bringen. [Hannah Pilarczyk]

                                      • Wunderkind Xavier Dolan zeigt auf Basis eines Theaterstücks des Franzosen Jean-Luc Lagarce, dass diese Familie viel weiter als nur einen Flug voneinander entfernt ist. [Günter H. Jekubzik]

                                        • 8

                                          Die Art, wie er seine Figuren darin im Gegensatz zu früheren Werken von jugendlichem Narzissmus freihält, verrät jedenfalls, dass er sich als Filmemacher erneut auf ebenso überraschende wie begeisternde Weise weiterentwickelt hat. [Marius Nobach]

                                          • Es gibt anrührende Momente, aber das Stück rast von Beginn an derart in die Eskalation, dass keine Luft für Entwicklungen zwischen den Figuren bleibt. Das macht Einfach das Ende der Welt, der in Cannes mit dem großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde, zu einem dauerexplosiven Drama, das wie bei einem Abendessen mit zu üppiger Vorspeise schnell übersättigt. [Christian Berndt]

                                            • 8

                                              Seine familiären Machtspiele und Gefühlsausbrüche erinnern an Ibsen und Ingmar Bergman. [Jens Büchsenmann]

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                                                Jonnys Reflections 27.12.2016, 15:08 Geändert 28.12.2016, 18:29

                                                Xavier Dolans Juste La Fin Du Monde ist emotionales Darstellerkino, wie jeder seiner Filme. In dieser Prämisse ist die Adaption des Theaterstücks von Jean-Luc Lagarce jedoch radikaler als zuvor. Anhänger der klassischen, filmischen Narration werden Dolan für diesen Film hassen, da die Dialoglast, das Ausgesprochene überwiegt und Mise-en-scène, sowie Einstellungsgrößen und Schnitt sich den Subjektiven und Objektiven der alteingesessenen Filmtheorie komplett widersetzen.

                                                Dolan malträtiert die Konventionen mit einem langsam aufbrodelnden Sturm aus Closeups und Schauspielliebkosungen. Dabei sieht man die Akteure in ihren Rollen aufgehen, wie man es im Film selten so unfassbar authentisch und facettenreich erleben konnte.
                                                Zu Anfang scheint die Fassade eines jeden Familienmitglieds, das auf einer Seite den Schein wahren, und auf der anderen bloß losschreien möchte, nicht nur die der Protagonisten, sondern auch die des Films zu sein. Beinahe oberflächlich und belanglos kommt einem das Gerede vor...Bis dann jede einzelne Geste, jedes Wort, jeder Blick jeder Moment sich immer wieder offenbart als die tiefsten, innersten Intentionen, Gedanken und Gefühle der Charaktere. Das Gerede war oberflächlich, aber nicht belanglos.

                                                Man liebt und hasst jede Figur der Geschichte von tiefstem Herzen. Jedes Detail ist ausgearbeitet, jede Situation und Reaktion darauf erklärt sich dem Zuschauer irgendwann durch die Existenz der Figuren. Denn sie existieren, scheinen beinahe aus der einengenden Perspektive der ganz nah vor ihnen schwebenden Kameralinse heraus in den Zuschauersaal springen zu wollen.
                                                Gaspard Ulliel, Vincent Cassel, Marion Cotillard, Léa Seydoux und Nathalie Baye. Es bleibt einem eigentlich nichts anderes übrig, als sie alle mit gleichsamer Ehrfurcht zu erwähnen, weil sie die unglaublichste, detaillierteste und ehrlichste Darbietung zeigen können, die seit Jahren über die Leinwände flimmern durfte. Marion Cotillard spielt in ihrer besten Rolle auf.

                                                Natürlich schwelgt Dolan in seiner Coupage auch abermals in Audiovisualitätsexzessen. Nostalgie ist das Gefühl, das er hier immer und immer wieder durch Augen und Ohren in die Herzen der Zuschauer wandern lassen wollte. Bei mir gelang es.
                                                Und tatsächlich scheint auch ein Hauch Selbstironie mitzuschwingen, wenn er den gewagtesten Musikeinsatz seiner Karriere, nämlich eine Sequenz unterlegt mit O-Zones Maya hi, mit dem kotzenden Gaspard Ulliel abschließt, was alles repräsentativ für eine dieser seltsam peinlichen Familienmomente steht.

                                                Juste La Fin Du Monde ist schauspielerisch und inszenatorisch eines der beeindruckendsten Charakterdramen, die ich je gesehen habe. Was den Rest angeht...der spielt im Grunde keine Rolle mehr.

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                                                  Ein junger Autor besucht nach langer Abwesenheit seine Familie: In seinem starbesetzten und etwas zu hysterischen Familienkammerspiel variiert Xavier Dolan seine bekannten Themen. [Birgit Roschy]

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                                                    [...] Natürlich könnte man sich das neueste Werk von Xavier Dolan ansehen, wenn es kurz nach Weihnachten in den deutschen Lichtspielhäusern anläuft. Stattdessen könnte man aber auch auf eine dieser unsäglichen Familienfeiern gehen, dort einen Streit lostreten und den Film noch ein Stück authentischer selbst erleben. Denn in "Einfach das Ende der Welt" wird primär diskutiert und gestritten, es herrscht eine konstante Divergenz zwischen allen Figuren. Auseinandersetzungen, welche mit Vorliebe lautstark und vor allem nervtötend verhandelt werden. Darunter schlummert, so viel muss man Dolan lassen, ein durchaus komplexes Charaktergeflecht mit ambivalenten Motiven und verständlichen Konflikten. Die verdient tiefgreifende Auseinandersetzung damit bleibt jedoch leider aus. [...]

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